Tips für Eltern Teil 1
1. Einleitung
Ihre Tochter/Ihr Sohn wird aus einer stationären Behandlung entlassen, die zur Gewichtsabnahme diente. Viele Eltern sind zu diesem Zeitpunkt verunsichert und fragen sich, was sie denn zu Hause tun können, damit das erreichte Gewicht des Kindes gehalten werden kann. Die Eltern haben erlebt, wie sich das Übergewicht des Kindes auf viele Lebensbereiche ungünstig ausgewirkt hat. Die Eltern wissen, daß ihr Kind in seiner Beweglichkeit, seiner Bewegungsfreude und seinen sozialen Kontakten häufig eingeschränkt war. Die Eltern verstehen nur allzu gut, wie ihr Kind unter seinem Übergewicht gelitten hat. Insofern ist die elterliche Frage “wie soll es weitergehen?” nur verständlich.
Übergewicht im Kindes- und Jugendalter ist eine Störung, die nicht auf eine einzelne Ursache zurückgeführt werden kann. Erbliche Faktoren sind ebenso beteiligt wie Ernährungsgewohnheiten, mangelnde körperliche Bewegung und übermäßiger Fernsehkonsum. Besonders Jugendliche, die stark übergewichtig sind, können seelische Probleme entwickeln. Unter Umständen sind sie aufgrund ihres Übergewichtes gehänselt worden und haben sich von Freunden und Bekannten zurückgezogen. Es ist kein Wunder, daß hierdurch ihre Stimmung stark in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Im Einzelfall können auch seelische Störungen Übergewicht verursachen oder verschlimmern.
Aufgrund der mannigfaltigen Ursachen, die an der Entstehung des Übergewichts beteiligt sind, gibt es kein Patentrezept, das Ihrem Kind weiterhelfen könnte. Wir haben im folgenden versucht, uns wesentlich erscheinende Gesichtspunkte anzusprechen. Sie sind als Hilfe für Sie und Ihr Kind gedacht. Überlegen Sie, welche der angesprochenen Bereiche besonders auf Ihr Kind bzw. Ihre Familie zutreffen. Versuchen Sie auch zu überlegen, was Sie in Zukunft gerne verändern würden.
Es ist selbstverständlich, daß Veränderungen der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten Ihres Kindes sich nicht von heute auf morgen vollziehen können. Man weiß nur allzu gut, daß Übergewicht ein langfristiges Problem darstellt. Betroffene müssen im Prinzip lebenslang aktiv gegen dieses Problem angehen. Mehr als andere Menschen müssen Betroffene sich bewußt machen, welche ihrer Verhaltensweisen an der Verursachung des Übergewichts beteiligt sind. Sie müssen sich auch darüber klar werden, wie sie diese Verhaltensweisen in den Griff bekommen können. Dies ist nicht einfach. Jeder weiß beispielsweise, wie schwer es einem Raucher fällt, mit dem Rauchen aufzuhören.
Man muß sich auch vergegenwärtigen, daß das Übergewicht Ihres Kindes nicht erst seit gestern vorhanden ist. Vielmehr gibt es in den meisten Fällen eine mehrjährige Vorgeschichte. Die Beteiligung von erblichen und seelischen Faktoren verdeutlicht ebenso wie eingeschliffene Gewohnheiten, wie schwer es sein kann, gegen das Übergewicht erfolgreich anzugehen. Aus diesem Grund muß auch vor übertriebenen Erwartungen gewarnt werden. In vielen Fällen ist es bereits ein großartiger Erfolg, wenn es Ihrem Kind gelingt, das Gewicht zu halten. Ist Ihr Kind noch in der Wachstumsphase, so wird allein durch das Längenwachstum das Gewicht Ihres Kindes im Verhältnis niedriger werden. Neuere amerikanische Untersuchungen zeigen, daß bereits relativ geringfügige Gewichtsabnahmen von 5% des Ausgangsgewichts eine gesundheitlich vorteilhafte Auswirkung haben.Familie
Bleiben Sie mit Ihrem Kind über die Problematik Übergewicht im Gespräch. Überlegen Sie, in welchen Situationen Ihr Kind große Probleme mit seinem Übergewicht hat und in welchen Situationen es gut mit seinem Gewicht zurecht kommt. Versuchen Sie, Ihrem Kind deutlich zu machen, daß Sie ihm helfen möchten, gegen das Übergewicht anzugehen. Gleichzeitig sollten Sie mit Ihrem Kind besprechen, in welcher Form dies geschehen kann. Viele Kinder und Jugendliche reagieren mit Verärgerung und Trotz, wenn die Eltern bestimmte Verhaltensweisen kritisieren. Insofern sollten Sie mit Ihrem Kind auch darüber sprechen, wie und in welchen Situationen er/sie gern Ihre Unterstützung erhalten würde. Unter Umständen ist es sinnvoll, sich hierfür am Tag jeweils fünf bis zehn Minuten vorzunehmen. In dieser Zeit kann gemeinsam besprochen werden, wo und welche Probleme im Verlauf des Tages aufgetreten sind. Es kann aber auch sinnvoll sein, daß sie sich mehr zurückhalten, als Sie dies bislang getan haben. Ein Jugendlicher möchte nicht ständig auf seine Probleme angesprochen werden.
Da das Problem Übergewicht ein langfristiges ist, ist es außerordentlich wichtig, daß weder Sie noch Ihr Kind resignieren. Jeder Tag ist ein neuer Tag. Wenn es an einem Tag oder selbst an mehreren Tagen hintereinander größere Probleme gegeben hat, richten Sie Ihren Blick in die Zukunft. Sie helfen Ihrem Kind nicht weiter, wenn Sie hierüber wütend oder verärgert sind. Jeder kleine Fortschritt zählt. Dies gilt selbst dann, wenn ein positives Verhalten nur an einem Tag oder in einer bestimmten Situation gezeigt wurde. Deshalb ist es sehr wichtig, daß Sie Ihre Erwartungen herunterschrauben und einen Blick für das Machbare bekommen.
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Sie selbst ebenfalls übergewichtig sind. Zahlreiche Untersuchungen haben ergeben, daß die Eltern von Kindern mit Übergewicht in der Regel ebenfalls übergewichtig sind. Hieran beteiligt sind zum einen erbliche Faktoren. Zum anderen ist es so, daß übergewichtige Eltern häufig Verhaltensweisen aufweisen, die das Übergewicht ihres Kindes fördern. Insofern entsteht für das Kind quasi eine Doppelbelastung. Falls Sie selbst übergewichtig sind, werden Sie am besten verstehen können, wie sich Ihr Kind fühlt. Vielleicht haben Sie schon selbst erleben müssen, was es bedeutet, wenn andere Personen abfällig auf Ihr Körpergewicht reagieren. Vielleicht haben Sie selbst aufgrund Ihres Übergewichts beruflich oder privat Nachteile in Kauf nehmen müssen. Bedenken Sie bitte, daß ein Jugendlicher besonders empfindlich auf die Reaktionen der Umwelt reagiert. Unser Selbstwertgefühl entwickelt sich mit zunehmendem Alter. Gerade das Selbstwertgefühl ist durch das Übergewicht Ihres Kindes gefährdet.
Falls Sie und andere Personen in Ihrer Familie übergewichtig sind, ergibt sich die Frage, wie Sie als Familie mit dieser Problematik umgehen. Während Sie einerseits ein besseres Verständnis für die durch das Übergewicht bedingten Probleme Ihres Kindes haben, ist andererseits festzuhalten, daß Ihr Kind Sie selbst als Vorbild ansieht. So wird Ihr Kind Ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellen, wenn Sie von Ihm Sachen verlangen, die Sie selbst weder leisten können noch wollen. Bei allen Ratschlägen, die Sie Ihrem Kind erteilen, überlegen Sie sich bitte stets, ob Sie selbst sich entsprechend verhalten. Dies hilft Ihnen zu beurteilen, welche Maßnahmen sinnvoll bzw. weniger sinnvoll sind.
Vielleicht gelingt es Ihnen, die stationäre Behandlung Ihres Kindes auch für sich selbst als Neuanfang zu nutzen. Sicherlich ist es für Ihr Kind vorteilhaft, wenn es nicht allein gegen das Problem Übergewicht ankämpfen muß. Falls Vater oder Mutter ebenfalls versuchen wollen, eine gesündere Lebensweise zu entwickeln, kann das für Ihr Kind hilfreich sein. Auch hierbei gilt, daß Überforderungen vermieden werden sollten. Es ist nicht damit getan, eine zweiwöchige Diät einzuhalten. Statt dessen sollten Verhaltensänderungen dauerhaft angestrebt werden. Überlegen Sie anhand der folgenden Seiten, wie Sie selbst von dem einen oder anderen Gedanken profitieren könnten. Versuchen Sie nicht, alles gleichzeitig in Gang zu setzen. Vielmehr sollten Sie Schritt für Schritt vorgehen. Es ist nicht so sehr wichtig, wann Sie ein gesetztes Ziel erreichen. Vielmehr ist es wichtig, beständig den Weg zum Ziel zu beschreiten. Es schadet nichts, wenn Sie sich diese Seiten in größeren Abständen immer mal wieder vornehmen, um sich immer wieder mit der Problematik auseinanderzusetzen.
Den nächsten Teil finden Sie hier: Tips für Eltern Teil 2
Prof.Dr.med. Johannes Hebebrand, LVR-Klinikum Essen, Kliniken/Institut der Universität Duisburg-Essen, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Virchowstrasse 174, 45147 Essen.


Da fragt man sich beim groben Durchlesen von http://www.medizin-netz.de ja schon, ob man doof ist. Dankeschön für Ihre Berichte