Tips für Eltern Teil 5
8. Langeweile
Vielen Kindern und Jugendlichen fällt heutzutage das Spielen schwer. Sie haben es verlernt, von sich aus spielerische Aktivitäten zu entfalten. Die Ursachen hierfür sind mannigfaltig. Zum einen sind das Fernsehen, zum anderen die berufliche Tätigkeit der Eltern und der “volle Terminkalender” von Kindern und Eltern zu nennen. Diese Kinder haben besondere Schwierigkeiten, wenn sie auf sich selbst gestellt sind. Vielfach erfolgt dann schon fast automatisch der Griff zum Fernsehknopf.
Überlegen Sie mit Ihrem Kind, ob es sich häufiger langweilt. Stellen Sie fest, zu welchen Zeitpunkten am Tag dies besonders der Fall ist. Versuchen Sie mit Ihrem Kind zu besprechen, welchen Betätigungen es in diesen Zeiten nachgehen kann. Falls Ihr Kind im Haushalt gar nicht oder nur wenig mithilft, könnte die Übertragung einer umgrenzten Aufgabe sinnvoll sein. Falls Ihr Kind nachmittags viel allein zu Hause ist, können Sie versuchen herauszufinden, ob Ihr Sohn/Tochter nicht gern bei den Pfadfindern, einem Verein oder an sonstigen regelmäßigen Veranstaltungen teilnehmen möchte. Leben Sie in einer Stadt, so könnte Ihr Kind auch beispielsweise einen Nachmittag pro Woche die städtische Bibliothek aufsuchen, um aktuelle Zeitschriften und Bücher zu lesen. Fördern Sie die Freundschaften Ihres Kindes. Ermöglichen Sie ihm den Besuch von und bei Freunden. Vielleicht kann Ihr Kind im Falle größerer Entfernungen bereits unmittelbar nach der Schule seinen Freund besuchen. In diesem Fall kann Ihr Kind die Hausaufgaben auch einmal am Abend erledigen. Nicht selten werden in einer Schule auch entsprechende Nachmittagsveranstaltungen angeboten, die Ihr Kind interessieren könnten. Vielleicht möchte Ihr Kind das Spielen eines Musikinstruments erlernen. Überlegen Sie, welche Interessen Ihr Kind hat und überdenken Sie die möglichen Betätigungsfelder vor Ort.
Während manche Kinder spontan und freudig auf die Unterstützung Ihrer Eltern im Hinblick auf die Freizeitaktivitäten reagieren, fällt es anderen Kindern deutlich schwerer, sich zu bestimmten Aktivitäten durchzuringen. Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, warum es so zögerlich ist. Liegt es daran, daß Ihr Kind soziale Ängste hat? Hat Ihr Kind Angst vor den üblichen Hänseleien? Oder ist Ihr Kind einfach nicht an den von Ihnen aufgezeigten Möglichkeiten interessiert? Welche eigenen Ideen hat es? Selbst bei älteren Jugendlichen kann es gelegentlich hilfreich sein, wenn die Eltern durch sanften Druck einen Erstkontakt ermöglichen. Nicht selten stellt dann das Kind fest, daß es an der jeweiligen Veranstaltung trotz zunächst negativer Einstellung Interesse findet und von da an bereit ist, ohne entsprechende Aufforderung diese Veranstaltung aufzusuchen.
Die Anschaffung eines Haustiers kann ebenfalls bei der Verhinderung von übermäßiger Langeweile hilfreich sein. Wichtige Vorüberlegungen umfassen eine Beratung, welches Tier zu Ihrer familiären Situation paßt. Kann und will Ihr Kind die Verantwortung für ein Tier zumindest teilweise übernehmen? Welche der erforderlichen Aufgaben kann es übernehmen? Soll das Tier Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn allein gehören?
Es gibt zahlreiche Tätigkeiten, die ein Jugendlicher auch für sich alleine unternehmen kann. Ihr Kind könnte beispielsweise nachmittags Fahrradfahren oder Schwimmen. Vielleicht möchte Ihr Kind ein Beet im Garten bepflanzen und pflegen? Gibt es Angehörige in Ihrer Familie, die hilfsbedürftig sind? Könnte Ihr Kind hierbei eine kleinere Aufgabe übernehmen?
9. Auslöser kennenlernen
Bei manchen Kindern und Jugendlichen lassen sich spezifische Auslöser für übermäßiges Essen feststellen. Zu nennen sind Traurigkeit, Streß, Ängstlichkeit, Überforderung, Zurückgestoßensein, Langeweile, Frust usw. Versuchen Sie darauf zu achten, ob eine spezifische Begebenheit oder eine bestimmte Stimmung dazu führt, daß Ihr Kind besonders viel ißt. Falls dies so ist, versuchen Sie hierüber mit Ihrem Kind ins Gespräch zu kommen. Vielleicht können Sie Ihr Kind dazu bringen, daß es ebenfalls sieht, was dem übermäßigen Essen voranging. Nur durch diese Einsicht kann es selbst lernen, sein Eßverhalten entsprechend zu verändern. Gibt es etwas, das an die Stelle des übermäßigen Essens treten kann?
10. Konsequenz zeigen
Kinder versuchen häufig, ihre Eltern solange zu bearbeiten, bis diese in einem bestimmten Punkt nachgeben. Bei übergewichtigen Kindern kann dies besonders ausgeprägt sein im Hinblick auf Essen oder Fernsehen. Passiert es Ihnen, daß Sie letztlich doch nachgeben, wenn Ihr Kind lange genug bettelt oder drängelt? Geben Sie auch dann nach, wenn Sie genau wissen, daß dies nicht zum Vorteil Ihres Kindes ist?Puppe
Kinder brauchen Grenzen. Ein Kind spürt auch, daß ein Hartbleiben der Eltern nicht Ablehnung bedeutet. Vielmehr vermittelt eine derartige Konsequenz dem Kind, daß sich die Eltern um ihre Tochter oder Sohn bemühen.
Ein konsequenter Erziehungsstil ist nicht jedermans Sache. Versuchen Sie sich zu prüfen, ob Sie in einigen bestimmten Punkten Konsequenz zeigen können oder wollen. Vergegenwärtigen Sie sich, daß es keinen Sinn macht, wenn Sie Ihrem Kind gegenüber zunächst “Nein” sagen, um dann nach entsprechendem Drängeln und Protesten doch umzukippen.
11.Andere wichtige Bezugspersonen informieren und einbeziehen
Nicht selten haben Kinder und Jugendliche wichtige Bezugspersonen außerhalb der engeren Familie. Solche Personen können Großeltern, Tanten, Onkel und Freunde sein. Es ist besonders wichtig, daß diese Personen verstehen, wie wichtig es für Ihr Kind ist, sein Gewicht zu halten. Unter Umständen hat beispielsweise die Großmutter Ihres Kindes diesem Süßigkeiten, Essen oder Geld angeboten, um Ihrem Kind ein Gefallen zu tun. Sprechen Sie mit den entsprechenden Bezugspersonen. Versuchen Sie zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, daß Ihr Kind nicht mehr mit derartigen Gefallen überhäuft wird. Erläutern Sie diesen Personen, welche Nachteile Ihr Kind durch das Übergewicht hat. Unter Umständen ist es hilfreich, wenn Sie diesen Text auch anderen Bezugspersonen Ihres Kindes zum Lesen geben. Es ist ganz wesentlich, daß alle Bezugspersonen Ihres Kindes an einem Strang ziehen.
12. Mein Kind hat Schwierigkeiten in der Schule
Bei manchen Kindern bestehen Schulschwierigkeiten. Übergewichtige Kinder sind ohnehin teilweise erheblichen Hänseleien in der Schule ausgesetzt. Falls zusätzlich die Schulnoten nicht so ausfallen, wie sich dies das Kind bzw. die Eltern vorstellen, entsteht eine zusätzliche Belastung. Unter Umständen bedingt gerade diese Belastung, daß diese Kinder aus “Frust” essen und an Gewicht zunehmen. Solche Kinder gehen im Einzelfall sehr ungern in die Schule.
Überlegen Sie, ob Ihr Kind in der Schule überfordert ist. Vielleicht hat es wirklich erhebliche Schwierigkeiten, den Schulstoff zu bewältigen. Muß Ihr Kind beispielsweise länger als andere Kinder Hausaufgaben machen? Bringt Ihr Kind häufiger schlechte Schulnoten nach Hause, obwohl Sie das Gefühl haben, daß es sich bemüht hat? Sprechen Sie mit dem Lehrer bzw. den Lehrern Ihres Kindes. Teilen diese Ihre Einschätzung? Sie können sich auch an eine Erziehungsberatungsstelle wenden. Dort kann veranlaßt werden, daß durch entsprechende Tests geklärt wird, ob Ihr Kind in der für ihn angemessenen Schule ist. Im Einzelfall kann in Abhängigkeit von dieser Beratung überlegt werden, ob ein Schulwechsel sinnvoll ist. Unter Umständen kann sich dies sehr “heilsam” auf das Eßverhalten Ihres Kindes auswirken. Dauernde Überforderung kann das Problem Übergewicht erheblich verschlimmern.
13. Mein Kind hat seelische Probleme
Viele Jugendliche berichten über seelische Probleme. Im Jugendalter kommen insbesondere depressive Störungen, Eßstörungen, Störungen des Sozialverhaltens (z.B. Streunen, oppositionelles Verhalten, Aufforderungen nicht nachkommen, kleinere Diebstähle) und Alkohol- und Drogenprobleme vor. Es ist derzeit unklar, ob Jugendliche mit extremer Adipositas häufiger zu derartigen Problemen neigen. In einer vorläufigen Untersuchung haben wir festgestellt, daß diese Jugendlichen häufiger über depressive Episoden berichten. Derartige Episoden sind gekennzeichnet durch Interesselosigkeit, Lustlosigkeit, niedergeschlagene Stimmung und diversen weiteren Auffälligkeiten, wie z.B. Schlafstörungen, übermäßiges Essen mit damit verbundener Gewichtszunahme, Appetitlosigkeit mit verbundener Gewichtsabnahme, mangelnde Bewegung oder übermäßige Bewegungsunruhe, mitunter Gedanken an Selbstmord, und das Gefühl, schuldig zu sein.
Falls Ihr Kind in dieser Hinsicht Auffälligkeiten aufweist, sollten Sie zunächst versuchen, mit Ihrem Kind hierüber ins Gespräch zu kommen. Unter Umständen empfiehlt sich, eine Vorstellung bei einem Kinder- und Jugendpsychiater. Falls ein Kinder- und Jugendpsychiater nicht in Ihrer Nähe lokalisiert sein sollte, können Sie sich auch an Ihren Hausarzt wenden, der Sie an einen geeigneten Psychologen vermittelt. Erziehungsberatungsstellen sind auch gute Anlaufstellen.
Im Hinblick auf die im Vordergrund stehende Gewichtsproblematik sollten Sie wissen, daß es bei einem Teil der Jugendlichen mit Übergewicht zu sogenannten Eßattacken kommt. Diese sind dadurch gekennzeichnet, daß der oder die Betreffende in relativ kurzer Zeit größere Mengen von Nahrung zu sich nimmt und hierbei subjektiv das Gefühl hat, das Eßverhalten nicht kontrollieren zu können. Dies bedeutet, daß der/die Betreffende nicht aufhören kann zu essen, selbst wenn er/sie dies möchte. Außerdem fühlen sich die Betroffenen häufig nach einer derartigen Eßattacke schuldig und voller Scham. Eßattacken können über den ganzen Tag verteilt auftreten. Häufig ereignen sie sich jedoch in den frühen oder späten Abendstunden. Diese Form der Eßstörung bedarf einer gesonderten Therapie und sollte als Hinweis dafür gewertet werden, daß Ihr Kind Hilfe benötigt.
Den nächsten Teil finden Sie hier: Tips für Eltern Teil 6
Prof.Dr.med. Johannes Hebebrand, LVR-Klinikum Essen, Kliniken/Institut der Universität Duisburg-Essen, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Virchowstrasse 174, 45147 Essen.

