Reizdarmsyndrom (Colon irritabile, Reizkolon)
colon (griech.) = Dickdarm; irritabel (lat.) = reizbar, empfindlich
Krankheitsbild
Als Reizdarmsyndrom bezeichnet man rezidivierende, rein funktionelle “Verdauungsbeschwerden”, die ohne organische Veränderungen des Darmes einhergehen. Die Bezeichnung Reizdarmsyndrom wird heute dem früher gebräuchlichen Begriff Colon irritabile oder Reizkolon vorgezogen, da auch Störungen der Dünndarmmotilität zum Beschwerdebild beitragen.
Es handelt sich um eine sehr häufige Erkrankung, etwa die Hälfte aller Patienten mit chronischen Magen-Darm-Beschwerden leiden an einem Reizdarmsyndrom. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Typische Symptome sind Druckgefühl im Unterbauch, Schmerzen (teilweise krampfartig), Völlegefühl, Blähungen. Der Stuhl ist manchmal schafkotartig, häufig mit glasigen Schleimbeimengungen (aber kein Blut!). Beim Auftreten von Schmerzen kommt es zu gehäuften Darmentleerungen, meist führt die Stuhlentleerung zur vorübergehenden Besserung der Beschwerden. Chronischer oder rezidivierender Durchfall kann auftreten, in manchen Fällen wechseln Phasen des Durchfalls und der Verstopfung.
Diagnose
Das Reizdarmsyndrom ist eine funktionelle Störung, die Diagnose darf also nur gestellt werden, wenn andere, organische Ursachen der Beschwerden ausgeschlossen sind. Wegweisend ist die typische Symptomatik (s. o.) mit gehäuftem Stuhldrang bei ansonsten gesunden Patienten, eine Verlaufsdauer von meist mehr als zwei Jahren ohne Gewichtsverlust, die Wechselhaftigkeit der Beschwerden und ein Lebensalter von über 45 Jahren. Röntgenologische Untersuchungen des Abdomens und Darmspiegelung (Endoskopie) sind obligat, um entzündliche oder tumoröse Darmerkrankungen auszuschließen. Aus dem gleichen Grund müssen laborchemische Untersuchungen des Blutes sowie Stuhluntersuchungen auf unsichtbares Blut (okkultes Blut) und Wurmerkrankungen durchgeführt werden. Ebenso sind Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Laktoseintoleranz oder einheimische Sprue differentialdiagnostisch in Erwägung zu ziehen. Nur wenn alle Untersuchungen und Befunde unauffällig beziehungsweise im Normalbereich sind, ist die Diagnose eines Reizdarmsyndroms zulässig.
Krankheitsverlauf
Die charakteristische Symptomatik wurde bereits oben beschrieben. Deutliche Verschlechterungen des Allgemeinbefindens und/oder Symptome wie Fieber, Gewichtsverlust, Nachtschweiß etc. sind durch ein Reizdarmsyndrom nicht zu erklären und bedürfen unbedingt weiterer Abklärung. Wegen der teilweise quälenden Schmerzen betreiben manche Patienten Abführmittelmissbrauch. Darüberhinaus gibt es keine echten Komplikationen des Reizdarmsyndroms.
Therapie
Entscheidend ist vor allem die Aufklärung des Patienten über die Harmlosigkeit der Erkrankung. Aufgrund des psychosomatischen Charakters des Leidens wirkt sich eine gewisse Umstellung der Lebensweise im Sinne von Stressabbau, Regelmäßigkeit des Tagesablaufs, ausreichend Schlaf und körperliche Bewegung in vielen Fällen positiv auf die Beschwerden aus.
Medikamentös können je nach individueller Symptomatik unterschiedliche Pharmaka zur Anwendung kommen: Stehen die Krämpfe im Vordergrund, verschaffen sogenannte Spasmolytika meist Linderung. Bei Verstopfung steht die Zufuhr von Ballast- und Faserstoffen (Weizenkleie, Leinsamen) an erster Stelle. Werden diese wegen zu starker Blähungen schlecht vertragen, stehen Quellmittel als “Weichmacher” zur Verfügung. Sollten Durchfälle behandlungsbedürftig werden, können kurzfristig sogenannte Antidiarrhoika eingenommen werden.
Ursache
Eine einzelne, definierte Ursache des Reizdarmsyndroms ist nicht bekannt. Wichtige Faktoren sind jedoch in jedem Falle die individuelle seelische Konstitution und die Verarbeitung psychosozialer Störungen (Ärger, Trauer, Stress etc.).
Vorbeugung
Vorbeugend wirken eine ausgewogene, geregelte Lebensweise, Stressbewältigung, ausreichende, tägliche körperliche Bewegung und eventuell Entspannungsverfahren wie Autogenes Training oder Meditation.
(js)

