Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus)
diabet…(griech.)=durchlaufen; melli…(griech.)=Honig
Krankheitsbild
Diabetes mellitus ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe von Stoffwechselstörungen, die mit einer krankhaften Erhöhung des Blutzuckerspiegels einhergehen. Dies kann bereits im Nüchternzustand auftreten (Blutzuckerspiegel über 100 mg/dl) oder nach der Aufnahme von Mahlzeiten (sog. “postprandialer” Blutzuckerspiegel: Normalwert liegt bei maximal 140 mg/dl). Als „pathologische Glukosetoleranz“ bezeichnet man eine milde Form der Blutzuckererhöhung mit Nüchternwerten von 100-120 mg/dl bzw. postprandialen Werten von 140-200 mg/dl. Erst bei Überschreitung dieser Werte spricht man von einem „manifesten Diabetes mellitus“. In Deutschland beträgt der Anteil manifester Diabetiker ca. 4% der Gesamtbevölkerung.
Diagnose
Entscheidend für die Diagnose Diabetes mellitus sind sicherlich die Veränderungen der Laborwerte erhöhter Blutzucker (nüchtern bzw. nach Verabreichung eines Sirups mit bekannter Glukosemenge) und erhöhte Zuckerausscheidung mit dem Urin. Zunächst ist es aber wichtig, dass der Arzt die typischen Symptome der Zuckerkrankheit erkennt und entsprechende Laboruntersuchungen veranlasst. Für einen Diabetes mellitus sprechen unspezifische Allgemeinsymptome wie Müdigkeit und Leistungsminderung sowie Heißhungerattacken, Schwitzen, Kopfschmerzen, erhöhte Urinmengen, Durst, Sehstörungen, Juckreiz und weitere. Während der Diabetes im Jugendalter (Typ I) meist plötzlich und dramatisch einsetzt, eventuell durch eine Bewusstlosigkeit aufgrund eines überhöhten Blutglukosespiegels, beginnt der Typ II Diabetes in der Regel schleichend und nicht selten unbemerkt jenseits des 40. Lebensjahres.
Krankheitsverlauf
Gefahr droht dem Diabetiker zum einen akut im Sinne einer Bewusstlosigkeit aufgrund einer extremen Überhöhung des Blutzucker-Wertes, oder, im Rahmen einer Insulintherapie durch zu niedrige Blutzuckerspiegel wegen unangepasst hoher Insulindosen. Auf der anderen Seite drohen nach langjährigem Verlauf Spätschäden, die viele Organsysteme betreffen können. Akut- wie Spätkomplikationen lassen sich allein mit einer optimal angepassten Therapie reduzieren bzw. verhindern, die intensive Mitarbeit eines informierten und entsprechend geschulten Patienten ist dafür unbedingte Voraussetzung. Ein Großteil der Spätkömplikationen beruht auf Schäden des Gefäßsystems, die sich nach lange bestehendem Diabetes entwickeln. Dabei kommt es u. a. zur Ausbildung einer Arteriosklerose, also einer Gefäßverkalkung mit der Gefahr von Verengungen der Herzkranzgefäße bis hin zum Herzinfarkt. Auch die Gefäße des Gehirns können sklerosieren (verkalken) und im Extremfall einen Hirninfarkt (sog. Apoplex= Schlaganfall) verursachen. Durch den gleichen Mechanismus kann es zu Durchblutungsstörungen an den Extremitäten, v. a. den Beinen kommen. Die Folge sind kalte Füße, Schmerzen beim Gehen, Absterben einzelner Zehen. Neben der Arteriosklerose werden auch die kleinen Gefäße (sog. diabetische Mikroangiopathie) geschädigt. Dieses kann zur Beeinträchtigung der Nierenfunktion führen, zu Schäden der Netzhaut des Auges mit Sehstörungen und der Nervenbahnen und dadurch bedingten Ausfällen der Tast- und Schmerzempfindung.
Therapie
Die Therapie des Diabetes mellitus richtet sich nach dem jeweiligen Diabetes-Typ. Wie bereits erwähnt, lassen sich für die sekundären Diabetes-Formen bestimmte Ursachen ausfindig machen und in vielen Fällen auch beheben, so dass hier eine Heilung möglich sein kann. Der primäre Diabetes, der in die Typen I und II unterschieden wird, erfordert eine in der Regel lebenslange, spezifische Therapie, die nur unter Mitarbeit des Patienten effektiv sein kann. Für den häufigeren Typ II Diabetes steht an erster Stelle die Reduzierung des meist bestehenden Übergewichtes mit Ernährungsumstellung sowie ein individuell abgestimmtes körperliches Ausdauertraining. Allein durch diese Basismaßnahmen lassen sich bei vielen Patienten mit Erwachsenen-Diabetes die Blutzuckerspiegel deutlich senken, so dass auf eine medikamentöse Therapie eventuell ganz verzichtet werden kann. Bezüglich der Diät gilt, dass generell schnell ins Blut strömende Zucker, wie der Haushaltszucker oder gesüßte Speisen (auch Honig!) gemieden werden sollten. Andere Kohlenhydrate, die verzögert in den Blutkreislauf abgegeben werden, wie beispielsweise in Kartoffeln, Vollkornmehlerzeugnissen (Nudeln, Backwaren) oder Obst und Gemüse sind durchaus erlaubt. Wichtig ist in jedem Fall, dass jegliche Therapiemaßnahmen nur durch einen erfahrenen Arzt angeordnet und laufend überwacht werden müssen, insbesondere, wenn zusätzlich Medikamente zur Blutdrucksenkung eingesetzt werden. Beim Typ II- Diabetiker sind dies i. d. R. zunächst sog. orale Antidiabetika, also blutzuckersenkende Mittel, die in Form von Tabletten eingenommen werden. In einigen Fällen kann es auch für den Typ II-Diabetiker notwendig werden, zusätzlich Insulin zu spritzen. Dies geschieht in Form von Injektionen in die Haut, die meist mehrmals täglich vorgenommen werden müssen.
Im Gegensatz dazu ist der meist normalgewichtige Patient mit Typ I Diabetes generell auf eine Therapie mit Insulin angewiesen (insulinabhängiger Diabetes). Hier kommt es auf eine exakte Abstimmung der Nahrungs- und Insulinzufuhr an, um allzu große Blutzuckerschwankungen zu vermeiden. Heutzutage tendiert man dazu, den Patienten aktiv in seine Therapie und die Überwachung derselben mit einzubeziehen. Dazu gehört nach intensiver Schulung und Anleitung des Patienten eine sog. intensivierte Insulintherapie (bei insulinabhängigen Diabetikern), bei der die Insulinzufuhr bedarfsgerecht an die individuelle Nahrungsaufnahme angepasst wird. Bei dieser Therapie wird nicht nur ein- oder zweimal täglich Insulin verabreicht, sondern der Patient spritzt sich über den Tag verteilt mehrere kleinere Insulindosen. Zusätzlich überwacht er zu verschiedenen Tageszeiten seinen Blutzuckerwert durch selbst vorgenommene Messungen. Diese Form der Insulinbehandlung in Verbindung mit den o. g. Allgemeinmaßnahmen stellt die zur Zeit optimale Therapieform dar und minimiert am ehesten das Risiko aller typischen Komplikationen.
Ursache
Wichtigster Zucker im Organismus ist die Glukose (Traubenzucker). Er stellt den Hauptbrennstoff aller Zellen des Menschen dar, sämtliche Organe, allen voran das Gehirn, sind auf eine ausreichende Versorgung mit Glukose angewiesen. Der Blutzuckerspiegel oder Blutglukosespiegel wird in erster Linie durch das körpereigene Hormon Insulin reguliert. Es wird von der Bauchspeicheldrüse gebildet und stellt das einzige Hormon des Organismus dar, welches den Blutzuckerspiegel u. a. über eine erhöhte Aufnahme des Zuckers in die Zellen senkt. Eine Reihe von Hormonen (sog. “kontrainsulinärer” Hormone), wie beispielsweise Kortison, Adrenalin und Wachstumshormon, wirken dem Insulin entgegen und erhöhen den Blutzuckerspiegel. Eine Erhöhung des Blutzuckers kann also entweder durch ein Mangel an Insulin oder einen Überschuss der kontrainsulinären Hormone bedingt sein.
Man unterscheidet grundsätzlich einen primären von einem sekundären Diabetes mellitus. Beim primären Diabetes weiß man zwar von einigen Risikofaktoren, die das Entstehen begünstigen können, eine eindeutige Ursache scheint es jedoch nicht zu geben. Wenn im allgemeinen vom Diabetes mellitus gesprochen wird, so ist damit in der Regel der primäre Diabetes gemeint, der auch den ganz überwiegenden Teil aller Zuckererkrankungen darstellt. Diese primäre Form wird weiter unterteilt in einen Typ I und einen Typ II, sowie weitere, weniger bedeutende Formen. Man bezeichnet den Typ I auch als insulinabhängigen, den Typ II analog als insulinunabhängigen Diabetes mellitus. Der Typ I Diabetes, der etwa 10% aller Formen des primären Diabetes mellitus ausmacht, ist durch einen absoluten Insulinmangel bedingt, der medikamentös durch Gabe von Insulin behandelt werden muss (insulinabhängiger Diabetes). Dem liegt wahrscheinlich eine Autoimmunerkrankung der Bauchspeicheldrüse zugrunde, also eine Zerstörung des insulinproduzierenden Anteils der Bauchspeicheldrüse durch körpereigene Immunzellen. Die Ursache dieses autoimmunen Prozesses ist jedoch nicht bekannt, diskutiert werden genetische Faktoren sowie bestimmte Virusinfekte, die eine Fehlsteuerung des Immunsystems bewirken. Der Typ II Diabetes (90% aller Diabetiker) ist zunächst weniger durch einen absoluten Insulinmangel gekennzeichnet, als vielmehr durch eine erhöhte Insulinresistenz (=geringe Wirkung des Insulins) des Organismus. Dies bedeutet, dass die Körperzellen des Typ II Diabetikers auf das mit dem Blut anströmende Insulin schwächer reagieren als beim Gesunden, es kommt zu einer gestörten Glukoseaufnahme in die Zellen. Es besteht also ein relativer Insulinmangel, der Blutzuckerspiegel ist trotz eines normalen Insulinspiegels überhöht. Hinzu kommt v. a. bei länger bestehendem Typ II Diabetes eine gestörte Insulinsekretion der Bauchspeicheldrüse, es kann sich also wie beim Typ I Diabetes auch ein absoluter Insulinmangel entwickeln, der aber meist weniger ausgeprägt ist als beim Typ I. Die beiden Diabetes-Typen werden häufig auch nach ihrem Zeitpunkt des Auftretens als Jugendlichen-Diabetes (= Typ I, Beginn im Kindes- oder Jugendalter), bzw. als Erwachsenen-Diabetes bezeichnet (= Typ II, Beginn meist im mittleren Lebensalter). Im Gegensatz zum Diabetes des Jugendalters (= Typ I Diabetes= insulinabhängiger Diabetes), für den lediglich erbliche Faktoren sowie bestimmte Virusinfektionen als Risikofaktoren bekannt sind, kennt man eine Reihe von Faktoren, welche die Entstehung des Erwachsenen-Diabetes (= Typ II Diabetes= insulinunabhängiger Diabetes) begünstigen. Hierzu zählen in erster Linie Übergewicht und Bewegungsmangel, aber auch besondere Belastungen wie Operationen, Schwangerschaft und andere. Die Mehrzahl der Diabetes-Erkrankungen (Typ II) entwickeln sich im Rahmen eines sog. metabolischen Syndroms (“Wohlstandssyndrom”). Hierunter versteht man einen Symptomenkomplex, der sich gehäuft bei Mitgliedern der westlichen Industrienationen (“Wohlstandsgesellschaften”) jenseits des 40. Lebensjahres entwickelt und charakterisiert ist durch Übergewicht, erhöhte Blutfettwerte, erhöhte Harnsäurewerte im Blut, Bluthochdruck und Glukosetoleranzstörung bzw. Typ II Diabetes.
Beim sekundären Diabetes handelt es sich um eine Blutzuckererhöhung mit eindeutig bekannter Ursache; hierzu gehören z. B. chronische Entzündungen oder operative Entfernung der Bauchspeicheldrüse (Insulinmangel), hormonelle Erkrankungen wie etwa das Cushing-Syndrom mit einer pathologischen Erhöhung des Kortisons (Überwiegen kontrainsulinärer Hormone) und weitere. In vielen Fällen lässt sich daher ein sekundärer Diabetes ursächlich (kausal) behandeln, beispielsweise durch Entfernung hormonaktiver Tumoren mit kontrainsulinärer Wirkung, also etwa eines Adrenalin-produzierenden Tumors der Nebenniere.
Vorbeugung
Bei dem Diabetes Typ I gibt es leider keine Vorbeugungsmaßnahmen, dagegen lässt sich die Entwicklung eines Typ II Diabetes vermeiden oder hinauszögern, durch:
- Einhaltung des Normalgewichtes
- regelmäßige körperliche Bewegung
- Einschränkung des Alkoholkonsums
- Meidung von Medikamenten, die die Entstehung eines Diabetes begünstigen, z. B. langandauernde Behandlung mit Kortison, Entwässerungsmittel.
(js)

