Home » Therapien

Narkose: Ablauf einer Vollnarkose

Eingetragen von Medizin-Netz am 23. August 2006 3 Kommentare

Ein typischer Fall:

Ein 32jähriger Patient hat sich beim Skifahren verletzt. Die Bänder am Sprunggelenk sind gerissen und müssen operativ versorgt werden. Eine Vollnarkose ist geplant.

Der Patient wird am Operationstag in seinem Bett zum OP gebracht. Er ist zu diesem Zeitpunkt durch die Beruhigungstablette, die er am Morgen bekommen hat, schon etwas müde, angstfrei und ruhig. Nach dem Umlagern auf das OP-Bett wird er in den Vorbereitungsraum der Anästhesie gefahren. Dort wird er von dem wartenden Narkosearzt und der Narkoseschwester erwartet und begrüßt.

Zuerst werden die Geräte zur Überwachung von Herz- und Lungenfunktion angeschlossen. EKG-Elektroden werden auf die Haut geklebt, um während der Operation ein EKG ableiten zu können. Eine Blutdruckmanschette zur regelmäßigen Kontrolle des Blutdrucks wird an den Oberarm angelegt. Zur Basisausstattung der Überwachung gehört darüber hinaus noch ein Pulsoxymeter. Das ist ein kleiner Fingerclip, der die Sauerstoffsättigung anzeigt, d. h. in welchem Ausmaß die roten Blutkörperchen mit Sauerstoff beladen sind. Je nach Gesundheitszustand der Patienten und dem Umfang der Operation wird diese Basisausstattung der Überwachung erweitert. Dann wird dem Patienten eine Infusionskanüle in eine Vene, wenn möglich an der Hand oder am Unterarm, je nachdem wo die Venen besser sichtbar sind, gelegt. Über diese Venenverweilkanüle wird eine kontinuierliche Infusion von Flüssigkeit angeschlossen.
Sind diese Vorbereitungen abgeschlossen, kann die Narkose beginnen.

Die Vollnarkose

Der Narkosearzt steht am Kopf des Patienten, die Narkoseschwester beim Arm, an dem die Venenverweilkanüle liegt. Der Patient wird nun aufgefordert, aus einer Sauerstoffmaske, die vor sein Gesicht gehalten wird, Sauerstoff zu atmen und dabei ruhige und regelmäßige Atemzüge zu nehmen. Die Lunge soll in dieser Phase maximal viel Sauerstoff aufnehmen. Gleichzeitig wird mit dem Einspritzen der Narkosemedikamente in die Infusionskanüle begonnen. Der Patient wird langsam ein Müdigkeitsgefühl und eine Schwere der Augenlider verspüren, eine leichtes Schwindelgefühl kann eintreten, er wird die Augen schließen und langsam und ruhig einschlafen.

Ist der Patient eingeschlafen, stellt er bald darauf seine Spontanatmung ein und muss beatmet werden. Nur damit kann eine ausreichende Sauerstoffversorgung des Körpers gewährleistet werden. Zuerst wird er mit der vorher schon erwähnten Sauerstoffmaske beatmet, bis die Voraussetzungen zur Intubation geschaffen sind. Intubation bedeutet Legen eines dünnen Beatmungsschlauches durch den Mund, den Kehlkopf und die Stimmbänder hindurch in die Luftröhre. Über diesen Beatmungsschlauch, auch Tubus genannt, erfolgt die Beatmung während der Narkose. Der Patient spürt keinen Schmerz bei dieser Maßnahme, ihm ist es nicht einmal bewusst, weil er tief und fest schläft.

Die Tubuslage muss überprüft werden und es muss gewährleistet sein, dass beide Lungen gleichmäßig beatmet werden. Über diesen Beatmungsschlauch können nun dem Patienten die Narkosegase zugeführt werden. Diese gelangen über die Luftröhre und die Bronchien in die kleinen Lungenbläschen. Nach dem Übertritt in das Blut erreichen sie über die Blutbahn das Gehirn und üben dort ihre narkotische Wirkung aus. Die Narkose kann auch mit intravenösen Medikamenten, die über die Venenverweilkanüle gegeben werden, aufrecht erhalten werden.
Ist die Narkose tief genug, kann der Operateur seine Arbeit beginnen.

Welche Komplikationen können bis zu diesem Zeitpunkt der Narkose auftreten?

Das Auffinden und die Punktion einer Vene an der Hand oder am Arm kann manchmal schwierig sein.
Beim Einspritzen der Medikamente kann es zuweilen zu allergischen Reaktionen kommen. Diese reichen von Hautreaktionen, z. B. roten Flecken oder Quaddeln bis hin zu schweren Kreislaufreaktionen im Sinne eines Schocks. Für den Narkosearzt ist hier die Information über früher stattgefundene Narkosen und deren Komplikationen wichtig.
Die Patienten werden im Prämedikationsgespräch aufgefordert eine Nüchternheit von mindestens 8 Stunden vor der Narkose einzuhalten. Das hat folgenden Grund:
In dem Moment, in dem die Narkosemittel in die Vene eingespritzt werden und der Patient sich entspannt und einschläft, kann es passieren, dass, wenn sich im Magen Flüssigkeits- oder Nahrungsreste sowie auch vermehrte Magensäure befindet, sich der Mageninhalt durch die Speiseröhre nach oben in Richtung Mundöffnung entleert. Dies versperrt dem Narkosearzt die Sicht zum Kehlkopf. Zweitens besteht nun die Gefahr, dass sich das Magensekret in die Luftröhre ergisst, da die Speiseröhre und die Luftröhre ihre gemeinsame Endstrecke im Mund haben und die Schutzreflexe, die im Wachzustand vor „Verschlucken in die Lunge“ schützen würden, durch die Narkose ausgeschaltet sind. Das Erbrochene, das mit saurem Magensaft vermischt ist, gelangt nun in die Lunge, greift die feinen Lungenstrukturen an und führt zur Entzündung. Dies kann sich zu einer gefährlichen Lungenentzündung entwickeln. Aufenthalt auf der Intensivstation und längerdauernde künstliche Beatmung können die Folge sein. Deshalb werden die Patienten gebeten, sich strikt an die Nüchternheit zu halten und auch nicht zu rauchen, da das Nikotin die Magensekretion anregt.
Bei Notfalloperationen kann natürlich auf die Gefahr eines Erbrechens keine Rücksicht genommen werden, da die sofortige Operation im Vordergrund steht.

Die Intubation

Um eine rasche Intubation, d. h., das Legen des Beatmungsschlauches, zu gewährleisten, ist natürlich das Geschick, die Technik und die Erfahrung des Narkosearztes wichtig. Es können auch anatomische Gegebenheiten des Patienten zu Problemen bei der Intubation führen. Schon beim Prämedikationsgespräch wird der Narkosearzt sein Augenmerk vermehrt auf die Hals- und Kopfpartie des Patienten richten. Er wird sich ein Bild über die Weite der Mundöffnung, den Zahnstatus und Schwellungen am Hals im Sinne von Schilddrüsenvergrößerungen machen. Ebenso wird er den Patienten nach Kieferschmerzen bei schon stattgefundenen Narkosen mit Intubation und nach eventuell aufgetretenen Komplikationen fragen. Ist der Zahnstatus schlecht und sind die Zähne krank und brüchig, kann es passieren, dass diese bei einer Intubation beschädigt werden. Ist die Intubation besonders schwierig, kann dies auch bei gesunden Zähnen passieren. Wichtig ist vor allem, dass der Narkosearzt sich ein vollständiges Bild über eventuell auftretende Komplikationen machen und sich darauf einstellen kann. Es können dann Hilfsmittel bereitgestellt werden oder die Intubation am „wachen“, d. h. spontan atmenden Patienten, durchgeführt werden. Denn die letzte Konsequenz bei Patienten, die nicht beatmet werden können, ist der Tod durch Ersticken.

Nach der Narkose

Vorübergehende Halsschmerzen und Heiserkeit sind möglich. Dies rührt daher, dass der Beatmungsschlauch die Stimmbänder im Kehlkopf, durch die der Batmungsschlauch hindurchgelegt wird, reizen kann.
Übelkeit und Erbrechen nach dem Aufwachen aus der Narkose kommen vor. Auch hier ist die Information über frühere Zustände von Übelkeit und Erbrechen nach Narkosen für den Narkosearzt wichtig.
Extremes Zittern nach dem Aufwachen aus der Narkose kann auftreten. Erstaunlicherweise ist dies häufiger bei jüngeren Patienten zu beobachten.
In der alltäglichen Routine verlaufen die allermeisten Vollnarkosen komplikationslos.

Dr. med. M. Oberndorfer

Suchen Sie nach ähnlichen Themen im Medizinlexikon:
Anzeige

3 Kommentare »

  • Elena sagt:

    ALso ich finde diesen Bericht als Nichtmedizinerin sehr hilfreich und sehr aufklärend. Ich werde am Dienstag unter Vollnarkose am Sprunggelenk operiert und bin froh, dass ich mich bereits vorher schon über die Narkose mit allem, was dazugehört, informieren kann, ohne das Etwas beschönigt, bzw weggelassen wird.
    Also dafür erstmal ein Dankeschön, wenn ich auch sagen muss, dass es die Angst vor den Risiken der Narkose nicht nehmen kann.

    mit freundlichen Grüßen
    Elena

  • [...] Vollnarkose ist ein sehr sicheres Verfahren, um die Erschlaffung der gesamten Muskulatur herbei zu führen und den Patienten so auf eine OP [...]

  • Irina sagt:

    Ich werde am 16.11. Gesäß operiert. Bei mir wird ein Faustgroßes Lipom unter Vollnarkose entfernt. Würde mich freuen wenn ich auf irgendeiner Internetseite einen ganz ausfürlichen Ablauf lesen könnte. Hab nähmlich paar Fragen, trau mich aber nicht jemanden der mich persöhnlich kennt zu fragen, weil es mir peinlich ist.

Schreiben sie einen Kommentar!

Fügen sie unten ihren Kommentar hinzu, oder trackback von ihrer eigenen Seite.. Sie können außerdemAbonnieren sie diese Kommentarevia RSS.

Sei nett. Halt es sauber. Bleib beim Thema. Kein Spam.

Sie können diese HTML-Tags benutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Dieser Blog hat Gravatar aktiviert. Um ihren eignen Avatar zu bekommen registrieren sie sich bitte unter Gravatar.