Narkose: Aufwachen aus der Narkose
Ein typischer Fall:
Ein 32jähriger Patient hatte sich beim Skifahren verletzt. Die Bänder am Sprunggelenk waren gerissen und mussten operativ versorgt werden. Der Patient hat eine Vollnarkose zur Operation bekommen.
Dem Ende der Operation folgt das Ende der Narkose. Die Zufuhr der Narkosemedikamente wird beendet. Dem Patienten wird über den Beatmungsschlauch nur noch Sauerstoff zugeleitet. Langsam beginnt die Spontanatmung des Patienten, zuerst noch unregelmäßig und oberflächlich. Mit fortschreitendem Erwachen werden die spontanen Atemzüge tiefer und regelmäßiger, langsam kehren auch die Schutzreflexe, die den Patienten vor dem Verschlucken schützen, zurück. Öffnet der Patient nach Aufforderung die Augen, wird der Tubus entfernt. Zur Überprüfung der Muskelkraft wird der Patient angehalten den Kopf anzuheben und die Hand des Narkosearztes fest zu drücken. Konnte dies zur Zufriedenheit ausgeführt werden, kann der Patient aus dem Operationssaal entlassen und in den Aufwachraum verlegt werden. Dort wird er von der zuständigen Narkoseschwester in Empfang genommen und wieder an die Geräte zur Überwachung der Vitalparameter angeschlossen.
Die Funktion des Aufwachraums ist die weitergehende, engmaschige Überwachung des Kreislaufs und der Atmung des frisch operierten und eben aus der Narkose erwachten Patienten. Nebenwirkungen, die noch von der Narkose herrühren können, wie z. B. Übelkeit und Erbrechen oder Zittern können hier sofort behandelt werden. Die Infusionstherapie, die im Operationssaal begonnen wurde, wird weitergeführt. Ebenso wird die Transfusion von Blutkonserven weitergeführt oder bei Bedarf begonnen. Komplikationen von Seiten der Operation, z. B. Nachblutungen im OP-Gebiet, werden im Aufwachraum schnellstens erkannt und es können sofort die nötigen Entscheidungen getroffen werden. Ebenso wird im Aufwachraum die postoperative Schmerztherapie eingeleitet, die dann auf der Chirurgischen Station oder auf der Intensivstation, je nachdem wohin der Patient anschließend verlegt wird, fortgeführt wird.
Der Aufwachraum gehört räumlich noch zu der Einheit des Operationssaales; die Narkoseschwester des Aufwachraumes steht in engem sprachlichen Kontakt mit dem Narkosearzt oder im Bedarfsfall mit dem Operateur.
Meistens erlangen die Patienten erst im Aufwachraum das Bewusstsein wieder. Sie können sich an die Aufforderungen des Arztes, die sie noch im Operationssaal befolgt hatten oder an Fragen, die sie beantwortet hatten, nicht mehr erinnern. Die Patienten erzählen, sie haben ein Gefühl, als ob sie geschlafen hätten, und nun aus dem Schlaf erwacht sind. Das kommt der Realität sehr nahe, wenn es auch ein durch Medikamente induzierter Schlaf ist. Viele Patienten erzählen von Träumen, die sie hatten, manchmal angenehme, manchmal unangenehme. Die Dauer des Schlafes ist jedoch außerhalb der Vorstellungskraft, die Patienten wissen nicht, wie lange sie geschlafen haben. Dies ist vergleichbar mit Patienten auf der Intensivstation, die über einen längeren Zeitraum in einem künstlichen Schlaf gehalten wurden. Auch diese Patienten wachen nach Beendigung der Zufuhr der Narkosemedikamente auf, als ob sie aus einem „normalen Schlaf“ aufwachen, und können die Zeit des Schlafes nicht abschätzen.
Erst dann, wenn der Patient vollständig wach und orientiert ist, also seinen Namen, sein Geburtsdatum, den Ort, an dem er sich zur Zeit befindet, den jetzigen Wochentag und Monat benennen kann, und sowohl sein Kreislauf als auch seine Atmung stabil sind und er ausreichend schmerzfrei ist, kann er auf die Chirurgische Station verlegt werden.
Bei der Verlegung wird dem zuständigen Pflegepersonal der Chirurgischen Normalstation eine Empfehlung zur weitergehenden Schmerztherapie mitgegeben. Der Patient sollte eine postoperative Nahrungskarenz einhalten, die in der Regel vier Stunden ab Beendigung der Narkose beträgt. Bei Operationen mit Eröffnung des Bauchraumes ist sie entsprechend länger.
Noch am selben Abend bzw. am 1. postoperativen Tag kommt der Narkosearzt zur postoperativen Visite. Hier werden eventuell aufgetretene Komplikationen besprochen und Empfehlungen für weitere Narkosen gegeben. Ebenso wird die Effektivität der Schmerztherapie angesprochen und, wenn nötig, verändert werden.
Dr. med. M. Oberndorfer

