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Psychotherapeutische Vorgehensweise bei der Aufarbeitung von Problemen türkischer Patienten

Eingetragen von Medizin-Netz am 25. August 2006 Kein Kommentar

Begriff: Psychotherapie (Psych-:gr. Seele, Gemüt/-therapie:gr. therapeia: Behandlung)

Krankheitsbilder

  • Schlafstörung, Psychovegetative Erschöpfung, Somatisierungsstörung, interkulturelle Anpassungsstörung, Depression, Angststörung, chronische Schmerzsyndrome

48% aller türkischen Patienten, die im vergangenen Jahr 1997 meine Allgemeinmedizinisch-psychotherapeutische Praxis aufgesucht haben, litten an dauernden (chronischen)Schmerzen wie Kopf-, Oberbauch-, Herz- und Wirbelsäulenschmerzen. Typisch war ein an mehreren Stellen gleichzeitig oder hintereinander auftretender Schmerz (multifokal).

Bei 44% der türkischen Klientel konnten diagnostiziert werden:

  • Schlafstörungen
  • psychovegetative Erschöpfungszustände (vielfältiges Beschwerdebild ohne entsprechenden anatomischen Nachweis, aber psychischer Ursache)
  • Depressionen (Störung des Gefühls-, Gemüts- und Stimmungszustandes)
  • Angststörungen (mit im Vordergrund stehenden Angstgefühlen)
  • Somatisierungsstörungen (körperliche Symptome seelischen Ursprunges)
  • Posttraumatische Belastungsstörungen (vielfältige Beschwerden, die auf eine körperliche oder seelische Erfahrung bzw. Verletzung folgen).

Symptomatik

  • Schmerzen an verschiedenen Körperstellen gleichzeitig oder hintereinander auftretend
  • Herzsensationen
  • Atembeschwerden
  • Gefühlsstörungen (Kribbeln,Taubheitsgefühle)
  • Kloßgefühl im Hals
  • Aufstoßen
  • Magendrücken
  • anfallsweise Gliederzittern
  • plötzliche Schwächeanfälle
  • innere Unruhe
  • Konzentrationsschwäche
  • Vergesslichkeit
  • Erschöpfbarkeit
  • Schlafstörungen
  • Angstzustände
  • traurige Stimmungslagen
  • Weinkrämpfe

Die Patienten beginnen ihre Ausführungen meist mit den Worten: “Ich bin krank,sehr krank. Niemand konnte mir helfen. Ich war schon bei so vielen Arzten und Heilpädagogen. Mir tut alles weh.Ich fühle mich saft- und kraftlos.”

Beispiel:Eine 50jährige Frau, verheiratet (über sog. Vermittlerin), zwei Kinder, Abstammung vom schwarzen Meer, erscheint in meiner Sprechstunde wegen diverser Schmerzsymptome. Der Nackenbereich, Arme, Kreuz und über dem Herzen tue es ihr ständig weh. Sie sei seit vier Monaten arbeitsunfähig, der Ehemann sei seit zehn Jahren Frührentner. Sie sei das zweite von fünf Kindern, ihre Familie sei jedoch komplett in der Türkei. Zunächst gibt sie an, an eine seelische Ursache ihrer Beschwerden nicht zu glauben. Auf meine Frage hin, ob sie persönliche oder familiäre Probleme oder Schicksalsschläge erlebt habe oder erlebe, berichtet sie erst von dem Tod ihrer Mutter, von der schwierigen Beziehung zu ihrem Ehemann und dass sie ihren Sohn infolge einer unglücklichen Heirat verloren habe (es bestehe seither kein Kontakt zu ihm, den zweijährigen Enkel habe sie noch nie gesehen). Während die Patientin erzählt, fängt sie an zu weinen. Sie fühle sich hier in Deutschland eigentlich auch gar nicht wohl und wolle am liebsten zurückkehren.
Ich erkläre der Patientin den Zusammenhang zwischen körperlichem und seelischem Schmerz und versuche ihr zu zeigen,dass ich mit ihr fühlen kann. Das Angebot zunächst probeweise zu Gesprächen zu erscheinen nimmt die Patientin dankbar an mit den Worten, dass sie sich jetzt schon sehr erleichtert fühle.up

Krankengeschichte

Besonderheiten in der Kranken- und Lebensgeschichte sind neben vielfältigen Arzt- und Krankenhausbesuchen:

  • unklare oder Zwängen unterliegende soziale Strukturen:ethnische, religiöse, politische Zugehörigkeit (Kurden, Aleviten, Suniten etc.)
  • Analphabetismus (10%)
  • durchlebte Binnenmigration (d. h. Übersiedelung innerhalb des Heimatlandes vom Land in die Stadt)
  • Migrationsreihenfolge (d. h. unter Umständen jahrelange Trennung der Familienmitglieder voneinander)
  • von außen auferlegte Zwänge
  • soziale Isolation, Einsamkeit; Entwurzelung als Ursache interkultureller Anpassungsstörung (z. B. verschobene traditionelle Familienrollen)
  • letzlich Orientierungslosigkeit: “Wo gehöre ich hin? Wo ist meine Heimat?”

Diagnose

Die Diagnosestellung erfolgt meist erst nach Jahren nach Ausschluss anderer körperlich oder psychiatrisch begründbarer Erkrankungen.
Eine Klärung ergibt sich entweder aus vorhergehenden, meist diversen fachärztlichen Befunden (Orthopädie, Neurologie, Innere, Radiologie) oder es werden diese – nach einer köperlichen Untersuchung – in die Wege geleitet. An speziellen Untersuchungsverfahren stehen ggf. an:
Röntgenuntersuchungen, CT (Computertomographie), MNR (ähnliches Verfahren auf Magnetstrahlenbasis), EEG (Messung der Hirnströme), Nervenleitgeschwindigkeitsmessungen, psychologische Testverfahren (schwierig bei türkischen Patienten wegen unterschiedlicher Sozialisation und Bildungserfahrung) und evtl. anderes mehr.
Vor der Psychotherapie stehen oft therapeutische Versuche mit Schmerzmitteln, Schlaftabletten, Massagen, Krankengymnastik, Reha-Versuche, Spritzen, Chirotherapie und ähnliches. Diese Verfahren sind natürlich sinnvoll, aber eine begleitende psychotherapeutische Behandlung verspricht u. U. mehr Erfolg. Oft kommt der Gedanke, einen Psychotherapeuten hinzuzuziehen erst NACH Durchlaufen o. g. Therapiemöglichkeiten. Wichtig ist die genaue, auf die besondere Lebenssituation der türkischen Klientel angepasste Erhebung der Kranken-geschichte (Herkunft, Familientradition, Arbeitsgeschichte usw.). Je nach im Vordergrund stehender Beschwerden und nach der inneren Einstellung des Patienten wird gemeinsam ent-schieden, ob zusätzlich eine begleitende medikamentöse Therapie eingeleitet wird.

Krankheitsverlauf und Therapie

Nach jahrelanger Fehldeutung durch Arzte und auch durch die Patienten selbst erfolgt zunächst die Akzeptanz der psychischen Ursache als Erkrankung. Der anfänglichen Hoffnungslosigkeit folgt eine Motivation des Patienten, etwas dagegen zu tun, also sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben. Oft leider mit zu hohen Erwartungen (nämlich, dass nun der Therapeut ihm in kürzester Zeit helfen wird). Der Enttäuschung folgt ein sich erneutes Entziehen. Ist es jedoch möglich gewesen, eine tragfähige Arzt-(Therapeuten-)Patienten-Beziehung aufzubauen, wird der Betreffende wieder den Weg zum Therapeuten finden.
Eine rigide Festlegung des Therapieplanes ist für türkische Klienten ungeeignet (schon aufgrund der andersartigen Mentalität). Mehr Empathie (also Mitfühlen) im wahrsten Sinne des Wortes wird dem türkischen Patienten eher helfen. Hilfe bei sozialen und behördlichen Problemen ist genauso wichtig wie Unterstützung bei persönlichen und familiären Krisen. Die Förderung zur Selbsthilfe im Sinne einer Öffnung der Patienten für gegenseitige Unterstützung unter Ablegen der Angste vor Repressalien wie Achtung, soziale und moralische Verbannung und ähnliches.
In den Gesprächssitzungen bleibt dem Patienten die Freiheit zu entscheiden, worüber er reden will, erhalten. Als besonders entlastend für die Betroffenen hat sich die Erkenntnis gezeigt, dass es anderen ebenso ergehen kann wie ihnen selbst. Daher sollte der Kontakt der Patienten untereinander gefördert werden (Gruppengespräche, wobei die Zusammenstellung unbedingt homogen sein sollte; also reine Männer- oder Frauengruppen, u. U. nach Alter und Traditionszugehörigkeit getrennt).
Der Weg zu einer besseren Integration ist weit und schwer. In Zeiten der sozialen und ökonomischen Unsicherheiten ist dies eben schwierig. Es wäre aber schon ein großer Schritt getan, wenn das Verständnis füreinander innerhalb der türkischen Bevölkerung wachsen würde.

Formalien und Möglichkeiten

Entschließt sich ein Patient zur Psychotherapie, hat er die Möglichkeit, sich in stationäre (also im Krankenhaus) oder in ambulante (d. h. in einer Praxis) Behandlung zu begeben. Häuser, die sich auch speziell um türkische Klienten kümmern (mit türkischem Pflege- und Betreuungspersonal) gibt es in Bad Fredeburg (Sauerland) und in Marburg.
Hat ein niedergelassener Psychotherapeut die kassenärztliche Zulassung zur Durchführung und Abrechnung von psychotherapeutischen Leistungen, so kann ein Klient ohne Antragstellung bei der zuständigen Krankenkasse zunächst fünf Probestunden erhalten. Möchte er darüberhinaus weitere 25 Stunden Therapieleistungen, so müssen er und der Therapeut lediglich je ein DIN A 4- Formular mit Personalien (ohne genaue Beschreibung der Problematik) ausfüllen und der Krankenkasse zuleiten, die dies im allgemeinen ohne Schwierigkeiten genehmigt.
Ist jedoch eine 50 stündige Therapie notwendig, so muss ein sogenanntes Gutachterverfahren eingeleitet werden, wobei ein unabhängiger Gutachter über die Genehmigung (anhand eines Berichtes des Therapeuten über den Fall ohne Angabe von Name, also anonym) entscheidet.

Zusammenfassung

Psychische Probleme sind keine Einzelfälle. Hat man den Verdacht, dass man betroffen ist, sollte man sich schnellstmöglich an einen Psychotherapeuten wenden, der einem dann bei der weiteren Entscheidung weiterhelfen kann.
Fünf Probestunden bieten dem Klienten (und Therapeuten) die Möglichkeit, sich ein Bild über die psychische Verfassung, die geeignete Therapie und den geeigneten Therapeuten ein Bild zu machen. In jedem Fall ist es besser, ein bestehendes Problem mit einem Therapeuten zu besprechen, als sich zurückzuziehen und in Verzweiflung und Mutlosigkeit zu ergeben.

Klinikadressen:

  • PKH Marburg, Cappellerstr. 9, 35039 Marburg
  • Intern.-Psychosomat. Fachklinik, Hochsauerland, Zu den drei Buchen 2, 57392 Bad Fredeburg

Dr. med. T. Akalin

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