Angst
Was ist Angst?
Angst ist ein normales und natürliches Gefühl, das absolut lebenswichtig ist: Ein Mensch, der keine Angst empfindet, würde sich in ständiger Lebensgefahr befinden. Die Angst hält uns davon ab, uns in Situationen zu begeben, die eine Bedrohung für unser Wohlbefinden bedeuten und die wir nicht bewältigen können. In solchen Situationen stellt die Angstreaktion die nötige Energie bereit und erhöht die Aufmerksamkeit und Reaktionsbereitschaft, um die Situation doch noch bewältigen oder vor ihr flüchten zu können.
Die Angst wurde als Begriff in die psychologische Wissenschaft eingeführt durch Sigmund Freud, der 1894 die Angstneurose erstmals beschrieb. Freud erklärte die Angst zunächst als eine Folge unterdrückter sexueller Spannungen, die zu Angst umgeformt würden. Später ersetzte er diesen Erklärungsansatz durch die sehr viel breitere Konzeption, dass Angst ein Signal für Gefahr sei – und unterschied zwischen objektiv begründeter Angst, die er “Furcht” nannte, und der eigentlichen, der neurotischen Angst. Im allgemeinen wie im wissenschaftlichen Sprachgebrauch hatte diese Differenzierung jedoch keinen Bestand.
Allerdings kann Angst auch hinderlich sein: Dann nämlich, wenn Angst empfunden wird, obwohl objektiv keine bedrohliche Situation vorliegt. So verringert im negativen Fall übermäßige Angst zum Beispiel die Leistungsfähigkeit in Prüfungssituationen, da hier ein nicht unwesentlicher Teil der geistigen Kapazität auf die Sorge um die zu erbringende Leistung verwendet wird.
Kann man hier – sofern die Angst den Prüfungskandidaten nicht absolut beherrscht und sein Denken blockiert – noch von einer “Realangst”, also einer objektiv erklärbaren, akuten Angstreaktion sprechen, so gibt es eine Vielzahl möglicher chronischer Angste, die ernsthafte psychische Störungen sind.
Physiologie der Angst
Angst kann verstanden werden als eine erweiterte Stressreaktion: Zum Stressreiz kommt die Vorstellung, dass die bedrohliche Situation nicht bewältigt werden kann. Daher muss man, um das Phänomen der Angst erklären zu können, zunächst einmal wissen: Was ist eigentlich Stress?
Definition: “Stress ist der Zustand eines Organismus, der dann eintritt, wenn das Individuum erkannt hat, dass sein Wohlbefinden oder seine Integrität in Gefahr ist und dass es alle verfügbare Energie zu seinem Selbstschutz und seiner Selbstverteidigung aufwenden muss.”
(Cofer und Appley 1964)
Bei der Verwendung des Wortes “Stress” muss unterschieden werden zwischen der Stressreaktion und den Stressoren. Beide werden umgangssprachlich als “Stress” bezeichnet. Als Stressoren können verschiedenste Faktoren wirken: Hans Selye, ein kanadischer Physiologe und Begründer der Stressforschung, nannte zunächst ausschließlich physische Einflüsse wie Hitze und Kälte, Lärm, Infektionen, Vergiftungen, Verletzungen und Traumata infolge chirurgischer Eingriffe.
Später wurde sein Konzept von anderen Wissenschaftlern dahingehend erweitert, dass auch psycho-soziale Faktoren als Stressoren wirken können, sofern das Individuum sie als Bedrohung für sein Leben oder seine Integrität wahrnimmt – sie also eine mehr oder weniger ausgeprägte Angst hervorrufen. (Levi 1974)
Die bekannteste und auch heute noch gültige Beschreibung des Phänomens “Stress”, d. h. der physiologischen Stressreaktion, wurde 1956 von Hans Selye entwickelt. Danach werden drei Phasen der Stressreaktion, die auch “Generelles Adaptations-Syndrom” (GAS) oder nach seinem Entdecker Selye-Syndrom genannt wird, unterschieden:
1. Die Alarmreaktion: Über die Sinnesorgane wird der Stressreiz an das Zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) gemeldet, daraufhin setzt zunächst der sogenannte Initialschock ein. Der Herzschlag wird beschleunigt, Blutdruck, Muskeltonus und Körpertemperatur sinken, Blutgerinnung und Harnausscheidung ebenso, die Zahl der weißen Blutkörperchen vermindert sich. Bei extrem starken Stressoren kann die Stressreaktion hier enden, es kommt zum klinischen Bild einer akuten Schockreaktion, die einhergeht mit Schreckstarre und eventuell Ohnmacht.
In der Regel folgt der Alarmreaktion allerdings die
2. Widerstandsphase, in der es zu einer rapiden Steigerung der Sympathikusaktivität kommt. Das Nebennierenmark produziert in erheblichen Mengen Adrenalin und Noradrenalin, Frequenz und Stärke des Herzschlages sowie das Blutvolumen steigen an. Die Atmung wird tiefer und die Bronchien erweitern sich, so dass mehr Sauerstoff für den Zellstoffwechsel bereitgestellt wird.
Zugleich wird die Nebennierenrinde zur Freisetzung von Kortikoiden angeregt. Dabei kommt es auch zu einer Erhöhung der Blutfett- und Glukosespiegel als schnell verfügbare Energieträger. Gleichzeitig wird die Durchblutung von Haut und Verdauungsorganen zugunsten von Muskeln und Gehirn gedrosselt, es werden also bevorzugt die Organe mit Blut versorgt, die für die Bewältigung der stressauslösenden Situation entscheidend sind. Diese Bereitstellungsreaktion hat auch Walter Cannon als “Notfallreaktion” beschrieben, die dem Individuum zwei Möglichkeiten bietet: Angriff oder Vermeidung (fight-flight-response).
Dauert der Stressreiz an, so mobilisiert der Organismus zunächst alle verfügbaren Energiereserven. Dabei kann es zu Ausbildung verschiedener organischer Störungen kommen, so etwa zum Bluthochdruck oder zur Ausbildung eines bis dahin nicht feststellbaren Diabetes mellitus.
So zeigte eine Studie, dass sich bei einer Gruppe von gesunden Probanden im Examen Glucose im Urin nachweisen ließ – Ihr Blutzuckerspiegel dürfte unter Berücksichtigung der Nierenschwelle beim Gesunden deutlich über 170 mg/dl gelegen haben, normal sind etwa 100 mg/dl.
Dauert der Stressreiz weiterhin an, so kommt es zur
3. Erschöpfungsphase, bei der die Abwehrkräfte des Organismus abnehmen und die in den vorherigen Phasen strapazierten Anpassungsmechanismen nicht mehr funktionieren. In dieser Phase der Dysregulation kann es sogar zu Störungen der Immunabwehr kommen. Das ist durchaus nachvollziehbar: Der menschliche Organismus ist für eine Dauerbelastung durch Stressoren nicht geschaffen, der physiologische Mechanismus der Stressreaktion versagt dort, wo der Stressor nicht durch Bewältigung oder Vermeidung kurzfristig beseitigt werden kann.
Wichtig zu wissen ist, dass nicht jeder Stressor von jedem Menschen in gleicher Weise erlebt und verarbeitet wird. Gemäß der eingangs vorgestellten Definition wirkt nur der Reiz als Stressor, den das Individuum als Bedrohung für sein Wohlbefinden oder seine Integrität wahrnimmt. So empfindet ein Patient, der etwa an einer Spinnenphobie leidet, den Anblick einer Spinne zum Beispiel als sehr starken Stressreiz – ganz im Gegensatz zum Gesunden.
Ab den späten 60er Jahren wurden Skalen entwickelt, die bestimmten Lebensereignissen – positiven wie negativen – bestimmte normierte Stresswerte zuordnen. So wurden von den amerikanischen Psychiatern Holmes und Rahe 43 Lebenssituationen mit entsprechenden Stresswerten aufgelistet. Als stärkster Stressor steht der Tod des Ehepartners mit einem Wert von 100 Punkten an der Spitze, der Eheschließung ist immerhin ein Wert von 50 zugeordnet, als Stressor wirkt sogar ein Urlaub mit 13 Punkten.
Angststörungen als irrationale Stressreaktionen
Das Wesen der Angststörungen besteht – vereinfacht gesagt – darin, dass Situationen oder Objekte, die üblicherweise nicht als bedrohlich empfunden werden und auch objektiv gesehen keine Bedrohung darstellen, als sehr starke Stressreize empfunden werden, die vom Patienten nicht bewältigt werden können. Unterteilen lassen sich die Angststörungen in Phobien, die Angste vor bestimmten Situationen oder Objekten, und die “frei flottierenden Angste”, bei denen zunächst kein konkreter Auslöser festzustellen ist.
Konkrete angstauslösende Objekte oder Situationen finden sich im Laufe einer Psychotherapie jedoch meist auch bei den Patienten, die an sogenannten “frei flottierenden” Angsten leiden. Meist erleiden sie Angstanfälle in Situationen, die der ähneln, in der sie ihre erste Panikattacke „wie aus heiterem Himmel“ getroffen hatte. In ihren Fällen ist die Situation oft noch schwieriger: Sie selbst finden meist keine Auslöser für ihre Angste und können somit die Angstanfälle auch nicht vermeiden, müssen also ständig mit der Angst und der “Angst vor der Angst” leben, was einen Teufelskreis bedeutet.
Die wohl bekannteste Phobie ist die Klaustrophobie, die Angst vor engen Räumen. Daneben spielen vor allem die Agoraphobie, die Angst vor weiten Plätzen, sowie soziale Phobien eine wichtige Rolle. Es kommen zahlreiche Tierphobien ebenso vor wie die Akrophobie, die Höhenangst, hypochondrische Phobien (wie die Herzphobie, die Angst vor Herzinfarkt, Herzstillstand und Herzversagen) und zahlreiche weitere phobische Angststörungen.
Nur ein relativ kleiner Teil der Patienten, die sich wegen einer Phobie in psychotherapeutische Behandlung begeben, hat jemals ein Erlebnis gehabt, das objektiv gesehen als Auslöser für die Angststörung gelten könnte. So ist zum Beispiel die Angst vor Spinnen recht verbreitet – doch welche Bedrohung durch eine Spinne könnte ein Mensch in unseren gemäßigten Breiten mit ihren ungefährlichen Spinnenarten jemals erlebt haben?
Verlauf von Angststörungen
Chronische Angste bedeuten für die Betroffenen oftmals eine erhebliche Einschränkung ihrer Lebensqualität. So sind Agoraphobiker im schlimmsten Fall nicht mehr in der Lage ihre – Sicherheit vermittelnde – Wohnung zu verlassen. Nur in ihren eigenen vier Wänden, ihrer kleinen, überschaubaren Welt können sie noch leben. Häufig litten diese Patienten zuvor an einer Angstneurose mit Panikattacken, also plötzlich und heftig einsetzender, unbeherrschbarer Angst, die sich bis zur Todesangst steigern kann. Ausgelöst werden diese Panikattacken häufig durch die Vorstellung bedrohlicher Situationen. Die vegetativen Symptome wie Herzrasen, Atemnot, Schwitzen, Schwindel und Flimmern vor den Augen wirken dann zusätzlich angstverstärkend.
Erhebliche Einschränkungen ihrer Lebensqualität erleben oftmals auch Patienten, die an anderen Formen der chronischen Angst leiden: So beziehen sich Sozialphobien auf die Gegenwart anderer Menschen oder die zwischenmenschliche Kommunikation. Aus Angst, von anderen negativ bewertet zu werden, ziehen sich die Betroffenen zurück – und erhöhen so unwillkürlich die Angst vor zukünftigen Begegnungen, da die negativen Erwartungen zur Einschätzung der eigenen Persönlichkeit fortbestehen oder sogar noch verstärkt werden. Nicht wenige der Betroffenen zeigen zugleich Zeichen einer Depression oder missbrauchen Alkohol und/oder Medikamente.
Dabei ist allen Angststörungen eines gemeinsam, das auch schon im eben genannten Beispiel anklang: Die Patienten sind in aller Regel nicht in der Lage, ihre Angste zu bewältigen, das heisst auszuhalten. So flüchten sie vor der angstauslösenden Situation in einer Phase, in der die Angst gerade unerträglich stark geworden ist. Könnten sie sich der Situation stellen, so würden sie erleben, dass die von ihnen als bedrohlich empfundene Situation sie in Wirklicheit nicht umbringt, sondern vielmehr keinerlei Gefahr bedeutet.
Nach einer ersten starken Steigerung der Angst würden auch die Symptome der Angst- oder Stressreaktion schwächer, da nach einer gewissen Zeit das parasympathische Nervensystem regulierend eingreift und die Wirkungen des sympathischen Nervensystems, die bei der “Physiolologie der Angst” beschrieben sind, dämpft. Der Herzschlag würde sich normalisieren, die Atemnot und das Schwindelgefühl würden deutlich schwächer. Ohne therapeutische Hilfe sind Angstpatienten jedoch in aller Regel nicht in der Lage, diese Abschwächung ihrer Angst zu erleben.
Therapie und Ursachen der Angststörungen
Angstörungen zeigen eine sehr starke Tendenz zur Chronifizierung, ohne eine fachgerechte Therapie bilden sie sich praktisch nie spontan zurück. Dabei gibt es zur Zeit zwei anerkannte Therapiekonzepte, die Patienten mit Phobien und Angstneurosen helfen können: Die Verhaltenstherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, die auf den Erkenntnissen der Psychoanalyse nach Sigmund Freud beruht.
Die Verhaltenstherapie beruht auf den Erkenntnissen der Lernpsychologie: Angst wird als ein erlerntes Reaktionsmuster verstanden, ebenso kann man die Angst auch wieder verlernen. Nach einigen Vorgesprächen wird ein angstgestörter Patient von einem Verhaltenstherapeuten in der Regel mit dem Konzept der “Konfrontationstherapie” behandelt werden: Gemeinsam mit dem Therapeuten nähert sich der Patient dem angstauslösenden Objekt Schritt für Schritt und lernt dabei, seine Angst auszuhalten. Die Therapie eines Patieten mit einer Spinnenphobie könnte etwa so aussehen:
Der Therapeut begleitet den Betroffenen in einen Raum. Auf einem Tisch steht ein Glas, in dem eine große Spinne sitzt. Der Patient soll das Tier zunächst möglichst genau betrachten und beschreiben, später wird die Spinne aus dem Glas gelassen, der Patient berührt sie mit einem Gegenstand, später sogar mit der bloßen Hand. Dabei fragt der Therapeut immer wieder nach der Stärke der Angst. Die Angst soll schließlich nicht verdrängt, sondern ausgehalten werden – so dass der Patient erlebt, wie seine Angst zurückgeht und schließlich ganz verschwindet. Vereinfacht gesagt, lässt sich dieses Therapiekonzept mit der Desensibilisierung (Verringerung der Empfindlichkeit) bei Allergien vergleichen.
Einen vollkommen anderen Weg geht die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Angst wird hier verstanden als ein Konflikt zwischen dem “Es”, dem triebhaften Menschen, und dem “Über-Ich”, dem Gewissen (also eigenen und gesellschaftlichen Moralvorstellungen). Dieser Konflikt kann nach dem Modell Freuds zur Entwicklung einer neurotischen Angststörung führen. Ziel der Therapie wird es also hier sein, den grundlegenden Konflikt aufzudecken und gemeinsam, in der Zusammenarbeit von Therapeut und Patient, aufzuarbeiten. Mit der Bewältigung des Konfliktes wird auch die Angststörung bewältigt.
Welche Therapie für welchen Patienten geeignet ist, muss im Einzelfall vom Therapeuten und natürlich vom Betroffenen selbst entschieden werden. So ist bei vielen Patieten, die die zum Teil starken Belastungen in der Konfrontationstherapie nicht ertragen können, später eine Tiefenpsychologische Therapie erfolgreich. Generell lässt sich sagen, dass die Verhaltenstherapie bei Patienten mit unkomplizierten Angststörungen relativ schnell gute Erfolge zeigt; bei Patienten, die noch weitere psychische Störungen (wie zum Beispiel Suchterkrankungen) zeigen, kann jedoch von Anfang an eher eine Tiefenpsychologische Behandlung angezeigt sein. Verschiedene Studien belegen, das keines der beiden Therapieverfahren dem anderen hinsichtlich des kurz- und langfristigen Therapierfolges deutlich überlegen ist.
Medikamente können allenfalls unterstützend zur Psychotherapie eingesetzt werden. Manche Patienten sprechen recht gut auf eine unterstützende Behandlung mit Antidepressiva wie Imipramin, die keine Abhängigkeit verursachen, an. Im akuten Angstanfall kann auch die Einnahme von Beruhigungsmitteln wie Valium® notwendig sein; eine Dauerbehandlung mit diesen Mitteln ist jedoch wegen der Gefahr einer Abhängigkeitsentwicklung niemals sinnvoll.
(to)
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Tja, die Dinge können so trivial erscheinen. Danke