Tinnitus – Diagnostik und Therapie
Unter den Begriff „Tinnitus“ werden Ohrgeräusche verstanden, die nur vom Patienten subjektiv wahrgenommen werden. Möglichkeiten, diese Schallphänomene für den Untersucher messbar zu machen, sind heutzutage in der Praxis noch nicht verfügbar. Demgegenüber existieren auch objektive Ohrgeräusche, z. B. in Form von Gefäßpulsationen, die ein Untersucher mit entsprechenden Instrumenten wahrnehmen kann. Etwa 10% aller Erwachsenen werden im Laufe ihres Lebens von einem Tinnitus betroffen. Hiervon empfinden wiederum 10% (also 1% der Bevölkerung) dauerhaft Tinnitusgeräusche. Grob geschätzt leiden 400.000 Bundesbürger sehr unter ihrem Tinnitus und bedürfen mehr oder weniger konstanter ärztlicher Hilfe. Die Tinnitusursachen sind sehr vielfältig und oftmals wird ein umfangreiches Untersuchungsprogramm unter Einbeziehung verschiedener Fachärzte notwendig. Nicht immer kann dabei der ursächliche Zusammenhang beim individuellen Patienten aufgedeckt werden. Die Therapie des Tinnitus richtet sich in erster Linie nach dem zeitlichen Krankheitsverlauf. Während zu Beginn medikamentöse Behandlungen im Vordergrund stehen, gibt es für einen chronischen Tinnitus kein Medikament mit einer bewiesenen Wirkung.
Tinnitusursachen
Ein einfaches Experiment sei vorangestellt, um die Problematik zu illustrieren: Setzt man eine Reihe Freiwilliger mit bisher völlig gesunden Ohren in einen schallisolierten Raum, werden schon nach kurzer Zeit die meisten der Probanden Ohrgeräusche empfinden, ohne dass hierfür eine physikalische Schallquelle vorliegt. Dies bedeutet, dass auch jedes gesunde Ohr in der Lage ist, einen Tinnitus zu erzeugen. Setzt sich dieser im Bewusstsein des Betroffenen fest, kann ein Tinnitusleiden entstehen. Selbstverständlich kann auch eine Vielzahl von Erkrankungen zu einem Tinnitus führen, von denen nachfolgend eine Auswahl genannt wird (diese Aufstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit):
- Innenohrerkrankungen: Hörsturz, Lärm- und Knallschäden, Entzündungen, Schädelverletzungen mit Einbeziehung des Innenohres, Altersschwerhörigkeit, Tumorerkrankungen
- Mittelohrentzündungen
- Erkrankungen des Kiefergelenkes
- Erkrankungen der Halswirbelsäule
- Stoffwechselstörungen: Zuckerkrankheit, Schilddrüsenüber- oder -unterfunktionen
- Nebenwirkungen bestimmter Medikamente: z.B. Aspirin®, bestimmte Antibiotika, Entwässerungsmittel (sog. Schleifendiuretika)
- erhöhter oder niedriger Blutdruck
Diagnostisches Programm
Das diagnostische Programm wird vom Arzt individuell auf den Patienten abgestimmt. Bei einem akut aufgetretenen Tinnitus wird zunächst folgendes Basisuntersuchungsprogramm von den entsprechenden Fachgesellschaften empfohlen:
- Erhebung der relevanten Krankheitsvorgeschichte
- Spiegelungsuntersuchung von Ohr, Nase und Rachen
- Abhören der Halsgefäße
- Hörtest
- Tinnituscharakterisierung in Tonhöhe und Lautheit, Tinnitusmaskierung durch Rauschen
- Schwindelprüfung
- Funktionsprüfungen von Mittelohr, Trommelfell und 7. Hirnnerv (Tympanometrie, Stapediusreflexe)
- Untersuchung der elektrischen Aktivität des Innenohres und der Hörbahn
- Untersuchung von Halswirbelsäule und Kauapparat
Aufbauend auf diesen Basisuntersuchungen können weitere Methoden zum Einsatz kommen. Hierbei sind in erster Linie Schichtaufnahmen des Schädels (Computertomogramm oder Kernspintomogramm), Ultraschalluntersuchungen der Halsgefäße, Laboruntersuchungen sowie weitere fachärztliche Beurteilungen (Internist, Neurologe, Orthopäde, Kieferorthopäde u. a.) zu nennen.
Tinnitustherapie
Die Behandlung von Ohrgeräuschen richtet sich nach dem zeitlichen Krankheitsverlauf. Den wichtigsten Stellenwert nimmt dabei die Beseitigung der Ursache ein, wenn diese zu ermitteln ist. Beim akuten Tinnitus (definitionsgemäß bis zu drei Monaten nach Beschwerdebeginn) steht der Versuch der Beseitigung oder deutlichen Minderung im Vordergrund der therapeutischen Bemühungen. Hierzu werden Tropfinfusionen mit unterschiedlichen Medikamenten, eine Kortisonstoßtherapie, chirotherapeutische Behandlungen der Halswirbelsäule bei dort vermuteter Ursache und eine Sauerstoffüberdrucktherapie (hyperbare Sauerstofftherapie, HBO) empfohlen. Letztere Methode hat sich erst innerhalb der letzten Jahre flächendeckend in Deutschland durchgesetzt und zielt auf eine Maximierung der Sauerstoffversorgung im Innenohr. Für alle Therapien gilt, dass ein frühzeitiger Beginn entscheidend ist.
Bei Patienten mit einem subakuten Tinnitus (definitionsgemäß zwischen vier Monaten und einem Jahr nach Beschwerdebeginn) steht – sofern noch nicht vollständig erfolgt – die sorgfältige Diagnostik und umfassende Beratung des Patienten im Vordergrund. Folgende Punkte müssen auf eine mögliche Wirksamkeit hin geprüft werden:
- Ausgleich einer Schwerhörigkeit mittels Hörgerät
- Anpassung eines sogenannten „Noisers“, der im vom Tinnitus betroffenen Ohr getragen wird und ein dauerhaftes Rauschen einspielt, um so zu einer Tinnitusgewöhnung beizutragen (s. u.)
- Meiden von tinnitusverstärkenden Faktoren, z. B. von Lärm
- Entspannungstraining
- ggf. Behandlung der Halswirbelsäule
- ggf. Behandlung des Kiefergelenkes
- sogenannte „Alternativtherapien“ sind grundsätzlich kritisch zu betrachten, eine sorgfältige Abwägung der Chancen sollte immer vorgenommen werden
Die Therapie von Patienten mit einem chronischen Tinnitus (definitionsgemäß mehr als ein Jahr Beschwerdedauer) hängt vom individuellen Leidensdruck ab. Sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich hat sich ein Teamkonzept unter Einbezug mehrerer Therapeuten bewährt. Patienten, die ihr Ohrgeräusch zwar registrieren, aber nicht oder wenig darunter leiden, d. h. ein weitgehend normales Leben führen können, sollten auf der Grundlage einer ausführlichen Diagnostik beraten werden. Das Ziel besteht darin, die Gewöhnung an den Tinnitus zu erhalten. Erfolgversprechende medikamentöse Behandlungsversuche sind für den chronischen Tinnitus derzeit nicht bekannt.
Leidet der Patient massiv unter seinem Tinnitus, d. h. sind Auswirkungen auf alle Lebensbereiche (Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Arbeitsunfähigkeit, Angstzustände, Depressivität usw.) festzustellen, wird heutzutage mittels der sogenannten Tinnitus-Retrainingstherapie versucht, eine Gewöhnung an die störenden Ohrgeräusche herbeizuführen. Die Therapie kann sowohl ambulant von spezialisierten Zentren oder stationär in entsprechend ausgestatteten Kliniken durchgeführt werden. Eine Retraining-Therapie nimmt viel Zeit in Anspruch und erfordert eine enge Kooperation des Therapeutenteams mit dem Patienten. Das Therapeutenteam setzt sich mindestens aus einem HNO-Arzt, einem Hörgeräteakustiker und einem Psychologen zusammen. Individuell auf den Patienten abgestimmt können weitere Therapeuten, wie z. B. Krankengymnasten, die Behandlung mitgestalten. Ein leises therapeutisches Geräusch wird permanent an das Gehirn gesendet werden, um dessen Überempfindlichkeit gegenüber dem Tinnitus zu mindern. Dazu wird ein angenehmer als der Tinnitus empfundenes Therapiegeräusch von einem sogenannten „Noiser“, der wie ein Hörgerät hinter dem oder im Ohr getragen wird, ausgesendet. Dabei muss beachtet werden, dass der Tinnitus nicht maskiert wird, sondern hörbar bleibt. Täglich sollte das Gerät für mindestens sechs Stunden eingeschaltet sein. Schlafphasen zählen hierbei nicht mit. Der beste Effekt zeigt sich in sehr ruhiger Umgebung, die der Tinnituspatient ohnehin meiden sollte, da der Tinnitus bei fehlenden Umweltgeräuschen oft als besonders belastend empfunden wird. Anhaltende Besserungen werden erst nach einigen Monaten erkennbar, eine über 12 Monate dauernde Therapie ist jedoch auch möglich. Ohne eine Begleittherapie erreicht aber auch der „Noiser“ nicht seine volle Effektivität. Ergänzend werden Entspannungstechniken (autogenes Training, progressive Muskelentspannung nach Jacobsen etc.) zur besseren Stressverarbeitung sowie die Behandlung von Angsten, Depressionen und Problemen des sozialen Umfeldes angewendet, wobei eine Einbeziehung von Familienangehörigen möglich ist. Eine begleitende Schwerhörigkeit sollte durch ein optimales Hörgerät ausgeglichen werden. Selbsthilfeorganisationen und lokale Patientengruppen helfen den Betroffenen beim Austausch von Erfahrungen und tragen dazu bei, Therapieformen zu bewerten. Informationen sind z. B. bei der Deutschen Tinnitusliga e. V. erhältlich.
Der Krankengymnast verfügt über einige Methoden, um in Einzelfällen eine positive Beeinflussung des Tinnitusleidens zu erreichen. Allen voran stehen chirotheraputische Behandlungen der Halswirbelsäule, der Kopf-/Halsgelenke und des Kiefergelenkes.
Vorbedingung einer erfolgreichen Behandlung des chronischen Tinnitus ist die intensive Einbindung des Patienten in therapeutische Entscheidungen sowie dessen aktive Mitarbeit. Eine enge Kooperation des Therapeutenteams ist immer von großer Wichtigkeit.
Wichtige Adressen
Deutsche Tinnitus-Liga e.V.
Postfach 210351
42353 Wuppertal
Tel. 0202-246520
Fax 0202 2465220
Internet: http://www.tinnitus-liga.de
E-mail: dtl@tinnitus-liga.de
Literatur
- Deutsche Tinnitus-Liga: Tinnitus – Was tun? (erhältlich bei der Deutschen Tinnitus-Liga e.V., s.o.), Eigenverlag 1996
- E. Biesinger: Die Behandlung von Ohrgeräuschen. Was Tinnitus-Patienten das Leben leichter macht. Extra: Neue Chancen. TRIAS-Verlag 2. Aufl. 1999, 208 S., ca. 20 Abb. – 22,5 x 15 cm. – Kartoniert, ISBN 3-89373-478-3
- Sven Tönnies: Leben mit Ohrgeräuschen. Selbsthilfe bei Tinnitus (Selbsthilfen). Asanger, R, 8. Aufl. 1996, 120 S., ISBN 3-89334-320-2
Dr. med. Christian Plafki

