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Vergiftungsgefahr für Kleinkinder im Haushalt

Eingetragen vonMedizin-Netzam 13. Oktober 2008 Kein Kommentar

In jedem Haushalt gibt es zahlreiche Möglichkeiten für Kinder, sich an schädlichen oder giftigen Substanzen zu vergreifen. Besonders kleine Kinder kennen dabei in ihrer Neugier keine Grenzen. Können sie gerade laufen, nutzen sie ihre neue Bewegungsfreiheit, um ihr Umfeld zu erforschen. Dabei spielt – ebenfalls für das Kleinkindalter typisch – der Mund eine wichtige Rolle. Alles Neue wird “gekostet”. Keinesfalls ist dabei Geruch oder Geschmack entscheidend. Die Erfahrung zeigt, dass Kinder auch Stoffe zu sich nehmen, deren Geruch oder spätestens Geschmack Erwachsene vom Genuss abhalten würde.

Bei Kindern beliebt…

…sind Medikamente, die sich im elterlichen oder großelterlichen Haushalt in Schubladen, Schächtelchen oder Körbchen befinden. Bunte Überzüge von Dragees oder Kapseln zum Beispiel laden geradezu ein zum Naschen.
Aber auch Chemikalien aller Art sind vor dem Kleinkind nicht sicher. Reinigungsmittel, Pflanzenschutzmittel und Lampenöl kommen genauso in Frage wie Alkohol(reste), Zigarettenkippen oder Kosmetika.

Etwas Statistik

Das statistische Bundesamt weist für 1997 etwa 200 000 Fälle aus, in denen Kinder versehentlich potentielle Gifte zu sich nahmen. In jedem zehnten Fall traten Vergiftungserscheinungen auf. Darunter waren wiederum 1000 lebensgefährliche Vergiftungen. 43 Kinder erlagen den Folgen ihrer Vergiftung.

Verschlucken von Schadstoffen

Kommt es zum Verschlucken von Schadstoffen, ohne dass Vergiftungserscheinungen auftreten, spricht man von Ingestion. Sinngemäß übersetzt heißt dieser Begriff “Aufnahme in das Verdauungssystem”.
Eine potentiell giftige Substanz wird als Noxe bezeichnet.
Aber auch, wenn ein Kind nicht sicher etwas verschluckt hat, kann eine Ingestion vorliegen. So können Noxen schon nach reiner Berührung der Mundschleimhaut in den Körper aufgenommen (resorbiert) werden.
Überdies ist nie sicher festzustellen, ob und wieviel ein Kind verschluckt hat, wenn man es beim “Kosten” ertappt.

Giftig oder nicht?

Glücklicherweise führt nicht jede Noxe zu Vergiftungserscheinungen. Was im einzelnen giftig ist, kann jedoch nur der Fachmann entscheiden. Keinesfalls sollte man sich als Elternteil oder wohlmeinender Nachbar dazu verleiten lassen, die Schädlichkeit einer Noxe für den kindlichen Organismus selbst einzuschätzen.
Umgehend sollte ein Arzt kontaktiert werden.
Das kann

  • der Kinder- oder Hausarzt sein,
  • aber auch (nachts oder am Wochenende)
  • das nächste Kinderkrankenhaus oder
  • der Rettungsdienst.

Auch der zuerst hinzugerufene Mediziner wird nicht in jedem Fall entscheiden können, ob das Verschluckte giftig ist oder nicht.

Giftnotruf

Kennt der Ersthelfer die Vergiftungspotenz einer Noxe nicht sicher, kann er auf ein deutschlandweites Netz von Giftnotrufzentralen zurückgreifen. Diese Beratungsstellen sind rund um die Uhr mit speziell geschulten Arzten besetzt. Überdies können sich die Berater einer umfangreichen Datenbank bedienen, die detaillierte Informationen über mögliche Gifte enthält.
So kann der Rat suchende Arzt am Unfallort oder in der Klinik erfahren, was zu tun ist:

  • Ist das Gift unmittelbar aus dem Körper zu entfernen?
  • Ist eine weiterführende medikamentöse Behandlung erforderlich?
    Oder
  • Ist die verschluckte Substanz ungefährlich, so dass das Kind keine weitere Behandlung braucht?

Besonders die Entscheidung, dass etwas nicht giftig ist, muss sehr verantwortungsbewusst gefällt werden. Einerseits ist natürlich eine überzogene Therapie zu vermeiden. Andererseits wäre nichts schlimmer, einem Kind bleibenden Schaden zuzufügen, weil aus Leichtfertigkeit oder Unkenntnis eine Vergiftung nicht konsequent behandelt wurde.

Was tun am Unfallort?

Bemerkt man, dass ein Kind eine schädliche Substanz zu sich genommen hat, muss man sofort reagieren. Bis zur Klärung des weiteren Vorgehens ist jede Ingestion ein Notfall.

In jedem Fall kann ein Kind unmittelbar nach Ingestion reichlich Wasser, Tee oder verdünnten Saft trinken.
Verboten hingegen ist:

  • Milch – sie bewirkt unter Umständen sogar eine beschleunigte Resorption der Noxe aus dem Magen in den Blutkreislauf
  • Salzwasser – die Überdosis Salz kann zusätzliche Vergiftungserscheinungen bewirken
  • Abführmittel aus der Hausapotheke – haben eine in dem Moment nicht kalkulierbare Wirkung.

Hautkontakt mit Chemikalien

Atzende oder giftige Chemikalien sollen mit reichlich klarem Wasser von der Haut gespült werden. Nicht vergessen: Das Entfernen durchtränkter Kleidung.
Gerät eine Chemikalie ins Auge, soll ebenfalls mit viel klarem Wasser gespült werden. Wichtig: Die Augen müssen dabei offen sein.

Spurensicherung

Leere Flaschen oder Schachteln müssen sichergestellt werden. Ihre Beschriftung kann dem Giftnotruf wichtige Hinweise über die Zusammensetzung der Substanz geben.
Reste oder Erbrochenes sollten in einem gut schließenden Gefäß ebenfalls gesichert werden. Untersuchungen im Labor können wertvolle Informationen über die Schädlichkeit der Noxe liefern.

Für den Arzt sind folgende Informationen wichtig:

  • Wie alt ist das Kind?
  • Wie schwer ist das Kind etwa?
  • Wann geschah der Unfall (Datum/Uhrzeit möglichst genau)?
  • Was wurde verschluckt?
  • Wieviel wurde verschluckt?
  • Zeigt das Kind Anzeichen möglicher Giftwirkung?

Diese Informationen und eventuelle Packungsangaben ermöglichen dem Arzt, mit der Giftberatung das weitere Vorgehen festzulegen.

Primäre Giftentfernung

Bis zu einer Stunde nach Ingestion kann die sogenannte primäre Giftentfernung durch künstlich herbeigeführtes Erbrechen sinnvoll sein.
Für Kinder gibt es dazu Sirup mit dem Wirkstoff der südamerikanischen Brechwurzel (Sirupus ipecacuhaneae).
Nach Verabreichung des Sirups muss das Kind eine große Tasse Flüssigkeit nachtrinken. Der Sirup führt praktisch immer zum Erfolg – sprich: zum Erbrechen.

In wenigen Ausnahmen muss der Mageninhalt durch Spülung entfernt werden. Die Magenspülung muss jedoch unter den Bedingungen einer Intensivstation erfolgen. Sie kommt zum Einsatz bei

  • Aufnahme von ätzenden Substanzen – Erbrechen würde durch nochmaligen Kontakt der Noxe zu neuerlichen Verätzungen von Speiseröhre und Mund führen.
  • Aufnahme von Stoffen mit hoher Giftpotenz wie Schädlingsbekämpfungsmittel oder bestimmte Medikamente, wo es auf eine sehr schnelle und sichere Magenentleerung ankommt.
  • Aufnahme von schäumenden Substanzen oder flüchtigen Mitteln wie Benzin – sie könnten bei Erbrechen leicht in die Luftröhre gelangen und dort schon in kleinsten Mengen Schaden anrichten.

Fast immer wird nach der Giftentfernung Aktivkohle gegeben. Sie soll auch kleinste Giftreste an sich binden, ähnlich wie ein Kohlefilter. Um der Kohle mitsamt dem Restgift das Verlassen des Körpers zu erleichtern, kann zum Abführen Glaubersalz verabreicht werden.

All die geschilderten Maßnahmen müssen unter Aufsicht eines Arztes, besser eines Krankenhauses erfolgen.
Oftmals ist nach erfolgter Giftentfernung eine weitere Beobachtung im Krankenhaus für ein bis zwei Tage erforderlich.

Eine längere Nachbehandlung auf der Intensivstation ist vor allem bei Vergiftungen mit ätzenden Substanzen zu erwarten.

Vorbeugen ist besser!

Systematisches Absuchen der Umgebung des Kleinkindes hilft, Ingestionsunfälle zu vermeiden. Dazu gibt es einige Faustregeln:

  • Was befindet sich in Augenhöhe eines krabbelnden oder laufenden Kleinkindes? – Unterschränke sollten sicher verschlossen sein (Schlüssel abziehen). Nicht verschließbare Schränke und Schübe müssen frei von Putzmitteln, Medikamenten, Alkohol, Kosmetika sein.
  • Potentielle Noxen – Farben, Putzmittel, Öl, Benzin usw. – in Originalbehältern aufbewahren. Geht die Originalpackung verloren, geht auch für den Ernstfall die für den Giftnotruf wichtige Beschriftung verloren.
  • Reste alkoholischer Getränke gehören sofort in den Ausguss. Auch Aschenbecher entleert man am besten sofort. Schon wenige Zigarettenkippen können einem Kleinkind lebensgefährliche Nikotinvergiftung zufügen.
  • Medikamente nach jedem Gebrauch sicher verwahren. Eine leergetrunkene Flasche Nasentropfen etwa ist für ein Kleinkind lebensgefährlich.

Überdies können Eltern sich belesen. So führen viele Pflanzenbücher etwa Kapitel über giftige Zimmer- oder Gartenpflanzen. Eltern von Kleinkindern sollten auf die Aufstellung solcher Pflanzen verzichten.

Auch vorsichtige Eltern können vom Forscherdrang ihrer Kinder überrascht werden. Deshalb sollten Telefonnummern des Kinderarztes und des Rettungsdienstes griffbereit am Telefon liegen.

Aus Schaden wird man klug

Schuldzuweisungen nach einem Ingestionsunfall sind in den meisten Fällen fehl am Platz. Niemand mit kleinen Kindern ist gewappnet vor unliebsamen Überraschungen. Kehrt nach einem Unfall wieder Ruhe in den Familienalltag ein, sollte man hingegen mit gleichsam geschärften Sinnen die Wohnung durchforsten. Die konsequente Beseitigung möglicher Unfallquellen schafft ein Stück mehr Sicherheit für die Zukunft.

Dr. med. Sabine Stein

Informieren Sie sich auch über die Adressen der Giftinformationszentren.

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