Gicht (Arthritis urica)
arthro…(griech.)=Gelenk; …itis=Entzündung; uro…(griech.)=Harn
Krankheitsbild
Unter Gicht versteht man die Gesamtheit aller Symptome bei Vorliegen eines erhöhten Harnsäurespiegels im Blut (Hyperurikämie). Die Gelenkerscheinungen stehen dabei im Vordergrund. Von einer Hyperurikämie spricht man ab einem Harnsäurespiegel von 7 mg/dl im Serum. Nicht jeder Patient mit einem erhöhtem Harnsäurespiegel leidet unter den Symptomen der Gicht, die Wahrscheinlichkeit steigt aber mit zunehmender Höhe der Hyperurikämie. So weisen fast ein Fünftel aller männlichen Individuen eine Hyperurikämie auf, während nur ca. 3 % an einer manifesten Gicht erkrankt sind. Der Häufigkeitsgipfel liegt bei Männern im 40. bis 50. Lebensjahr, Frauen erkranken meist erst im 50. bis 60. Lebensjahr nach den Wechseljahren. In diesem Alter kommt es zu einem Absinken der weiblichen Sexualhormone (Östrogene), die bei Frauen jüngeren Alters protektiv wirken, also vor einer Gicht schützen.
Die Gicht tritt gehäuft zusammen mit den Erkrankungen des sog. metabolischen Syndroms (”Wohlstandssyndrom”) auf. Das metabolische Syndrom bezeichnet das gemeinsame Auftreten von Übergewicht, Altersdiabetes, erhöhten Blutfettwerten und Bluthochdruck.
Die Merkmale des akuten Gichtanfalls sind so charakteristisch, dass häufig schon allein aufgrund der Anamnese, also der Krankheitsgeschichte des Patienten, die Verdachtsdiagnose Gicht gestellt werden kann. Aus voller Gesundheit kommt es plötzlich (oft nachts) zur stark schmerzhaften Entzündung eines Gelenkes, meist des Großzehengrundgelenkes (sog. Podagra), mit Hautrötung, Überwärmung und Schwellung. Andere, ebenfalls häufig betroffene Gelenke, sind das Daumengrundgelenk (sog. Chiragra) und die Sprung- und Kniegelenke. Charakteristisch ist dabei der Befall eines einzelnen Gelenkes, im Gegensatz beispielsweise zur rheumatoiden Arthritis. Der akute Gichtanfall, der oft mit Fieber einhergeht, klingt nach einigen Tagen bis drei Wochen spontan ab.
Diagnose
Unterstützt wird die Diagnose durch Nachweis eines erhöhten Harnsäurespiegels und durch Ansteigen der Entzündungsparameter im Blut, z. B. vermehrte Leukozytenzahl (weiße Blutkörperchen) oder beschleunigte Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG). Zeigen sich außerdem in der Gelenkflüssigkeit Harnsäurekristalle, ist die Diagnose Gicht bewiesen. Röntgenaufnahmen des betroffenen Gelenkes lassen ebenfalls Veränderungen erkennen, die jedoch nicht spezifisch für die Gicht sind.
Krankheitsverlauf
Es werden vier Stadien der Gicht unterschieden:
- Stadium I : Hyperurikämie ohne Symptome (wesentlich häufiger als manifeste Gicht; s. Def.)
- Stadium II : Akuter Gichtanfall
- Stadium III : symptomfreies Intervall zwischen zwei Anfällen
- Stadium IV : Chronische Gicht mit irreversiblen Gelenkveränderungen
Schon in den Frühstadien kann es zu einer Beteiligung der Nieren kommen. Das Auftreten von Nierensteinen und Harnwegsinfektionen ist dafür typisch. Das vierte Stadium, die chronische Gicht, wird heute nur noch selten bei Patienten ohne konsequente Therapie beobachtet. Hierbei lagern sich die Harnsäurekristalle außer in den Gelenken auch im Knorpel von Ohrmuschel, Ferse, Ellenbogen und in den Sehnenscheiden und Knochen ab.
Therapie
Da sowohl Übergewicht wie Alkoholkonsum zu einer Erhöhung des Harnsäurespiegels führen, sollte grundsätzlich eine Gewichtsreduktion und eine Beschränkung des Alkoholgenusses angestrebt werden. Um die Zufuhr von Purinen, also von harnsäurebildenden Stoffen, über die Nahrung zu minimieren, muss eine purinarme Diät eingehalten werden. Diese besteht im wesentlichen aus einer fleischarmen Kost mit Verzicht auf Innereien (Leber, Niere, Bries etc.).
Darüber hinaus können Medikamente verordnet werden, entweder zur Behandlung eines akuten Anfalls (Kolchizin, Indometacin, Phenylbutazon) oder zur Prophylaxe als Dauermedikation (Allopurinol, Benzbromaron). Während erstere vor allem die Gelenksentzündung eindämmen, führen letztere zu einem Absinken des Harnsäurespiegels.
Ursache
Man unterscheidet eine primäre Gicht unbekannter Ursache von einer sekundären Gicht mit genau bekannten Ursachen. Bei der primären Gicht handelt es sich in erster Linie um eine erbliche Erkrankung. Genetische Faktoren begünstigen dabei den Anstieg des Harnsäurespiegels, in der überwiegenden Zahl der Fälle aufgrund einer Ausscheidungsstörung der Niere für Harnsäure. Bestimmte Nahrungsbestandteile, die Purine, werden im Organismus zu Harnsäure abgebaut und vorwiegend mit dem Urin, zu einem kleineren Teil auch mit dem Stuhl, ausgeschieden. Ist die Ausscheidung gestört, kommt es zur Hyperurikämie mit Ablagerung von Harnsäurekristallen (Urate) im Gelenkknorpel, Gelenkkapsel, Sehnenscheiden und den Schleimbeuteln der Gelenke. Dies führt zu den charakteristischen Gelenkbeschwerden wie Entzündung und Schmerz. Typisch sind auch Ablagerungen im Ohrknorpel und den Nieren.
Die sekundären Hyperurikämien treten beispielsweise auf bei Leukämien oder Tumoren unter Chemotherapie oder Bestrahlung, da es hier zu einem massiven Zellzerfall und damit zu einer hohen Purinbelastung des Körpers kommt. Denn auch die Zellen des menschlichen Körpers enthalten und produzieren selbst Purine. Diese sind ein Hauptbestandteil der DNS, der Desoxyribonukleinsäure. Die DNS liegt als Träger der Erbinformationen in Form der Chromosomen in jeder Zelle vor. Andererseits können Erkrankungen der Nieren zu einer verminderten Ausscheidung der Harnsäure führen, ebenso wie bestimmte Stoffwechselstörungen, die mit einer Absenkung des Blut-pH einhergehen, sog. Azidosen (z. B. bei Diabetes mellitus).
Der akute Gichtanfall, egal ob bei primärer oder sekundärer Gicht, entsteht durch Ausfallen kristalliner Harnsäure in einem Gelenk. Diese Kristalle werden von Fresszellen (Phagozyten) aufgenommen. Dabei werden Entzündungsstoffe, sog Mediatoren, freigesetzt, welche die Gelenkentzündung hervorrufen.
Vorbeugung
Normalgewicht einhalten
Purinarme Ernährung, d. h., Verzicht oder Einschränkung des Genusses z. B. von: Alkohol, Fleisch, Geflügel, Innereien, Hering, Sardellen, Ölsardinen, Hülsenfrüchte, Spinat, Blumenkohl, Spargel, Pilze, scharfe Gewürze, Mayonnaisen, Remouladen, Marinaden.
(js)

