Mit dreitausend “Schuss” geheilt Orthopädie und Ultraschallstoßwelle
Einleitung: Ultraschall
Das Ordnungssystem der Fledermäuse haben sich die Mediziner seit langer Zeit zunutze gemacht. So wird seit Jahrzehnten Ultraschall in der Diagnostik von Bauch-, Gefäß- und Gelenkerkrankungen benutzt. Den Ultraschall in Form einer komprimierten hochenergetischen Stoßwelle therapeutisch einzusetzen, haben die Urologen zu wissen genutzt. Seit Jahren werden Nierensteine “ohne Skalpell” entfernt. Vielen Patienten blieb dadurch eine Operation erspart.
Seitdem Ende der 80iger Jahre zunächst verzögert heilende Knochenbrüche mit dieser Methode erfolgreich behandelt wurden, entdeckte man auch auf orthopädischem Gebiet eine Reihe von Krankheitsbildern, die erfolgreich mit den Stoßwellen behandelt werden können.
Therapeutischer Ansatz: Ultraschallstoßwellen
Ein ähnlicher therapeutischer Ansatz wie bei den Nieren- und Gallensteinen findet sich z. B. bei der sogenannten Tendinosis calcarea, bei der sich bis zu fingerkuppengroße Kalkablagerungen in den die Schulter umgebenden Sehnen finden, die bei jeder Gelenkbewegung oder auch in Ruhe stärkste Schmerzen hervorrufen können. Unter Ortung mit dem diagnostischen Ultraschall wird dieses Kalkdepot anvisiert und dann mit 2.000 bis 3.000 Stoßwellen in kleinere Teile zersprengt. Bei jedem Impuls ist ein Geräusch hörbar, das der Auslenkung der elektromagnetisch erzeugten Stoßwelle über einem Wasserbad entspricht. Je nach Intensität dieser Wellen spricht man von hoch- oder niederenergetischer Behandlung. Insbesondere bei der hochenergetischen Behandlung kann jeder dieser Impulse wie ein Stich mit einer Stecknadel empfunden werden. Deshalb wird je nach Empfindlichkeit des Patienten die Behandlung mit einer Betäubung durchgeführt. Eine Sitzung dauert ca. eine halbe Stunde. Danach wird Kühlung und/oder ein leichtes Schmerzmittel empfohlen, der Patient kann aber nach Hause gehen, es sei denn, stärkere Schmerzmedikamente während der Behandlung erfordern eine Überwachung.
Behandlungserfolge
Die bisherigen Ergebnisse sind erfolgversprechend, obwohl die Behandlung manchmal mehrfach wiederholt werden muss und der Behandlungserfolg frühestens nach einigen Tagen wenn nicht Wochen eintreten kann.
Weitere Behandlungserfolge sind beim sogenannten Tennisellenbogen, bei schmerzhaften Achillessehnenreizungen, beim Fersensporn sowie verzögert heilenden Knochenbrüchen zu verzeichnen. Der Wirkungsmechanismus beim Sehnenansatzschmerz, wie z. B. dem sogenannten Tennisarm oder dem Fersensporn ist dagegen noch unklar. Vermutet wird eine Beeinflussung des Gewebestoffwechsels und der Schmerzweiterleitung.
Bei den verzögert heilenden Knochenbrüchen (Pseudarthrosen) werden kleinste Risse im Knochen erzeugt, die über eine Anregung der Knochenneubildung auch den ehemaligen Bruchspalt mit neuem Knochen überbauen lassen. Die Behandlung hier wäre ohne stärkste Schmerzmittel oder eine Allgemeinnarkose nicht zu ertragen. Überwachung von Herz- und Kreislaufsystem sind nötig.
Die Stoßwellentherapie sollte nur von einem in der Stoßwellentherapie erfahrenen Arzt durchgeführt werden. Andere Krankheitsbilder als die Kalkschulter, der Tennisellenbogen, der Fersensporn und die Pseudarthrosen müssen zum jetzigen Zeitpunkt noch als Behandlungsversuch angesehen werden. Leider gab es eine unkritische Ausweitung der Indikationen, so dass die Krankenkassen innerhalb kürzester Zeit mehrere dutzend Millionen DM an Erstattungsforderungen auf sich zukommen sahen. Damit ist zunächst erst einmal Schluss. Seit Mai 1998 hat der Bundesausschuss Ärzte und Krankenkassen in einer nicht öffentlichen Sitzung die Erstattung der Stoßwellenbehandlung für Patienten der gesetzlichen Krankenversicherung abgelehnt. Sie sollten sich eine zweite Meinung einholen, wenn sie nach Ablehnung der Kostenübernahme durch die Krankenkasse evtl. mehrere tausend Mark aus eigener Tasche bezahlen müssen.
Bei genauer Auswahl der Patienten kann die Methode eine bis zu 80 %ige Erfolgsquote vorweisen. Einige Patienten, die bis vor kurzem noch einer Operation zugeführt werden mussten, kommen so um das chirurgische Messer herum. Anwendung sollte das Verfahren jedoch nur dann finden, wenn die übliche konservative Therapie ausgeschöpft ist, zumal Langzeitergebnisse fehlen.
Fazit: Bei ausgesuchten Patienten kann die Stoßwellentherapie eine Alternative zur operativen Behandlung darstellen, das Verfahren sollte jedoch nicht kritiklos und frühzeitig als neue Methode der Wahl missverstanden werden.

Foto 1: Behandlung eines Tennisarmes: Links im Bild mit Kontakt zum Ellenbogen der Patientin das sogenannte Obertischmodul, in das neben der Stoßwellenquelle ein diagnostisches Ultraschallgerät integriert ist. Dessen Bild wird auf dem Monitor (rechts im Bild, Foto 2) sichtbar und lässt eine Überprüfung der Einstellung zu.
Referenzen
- zur Schulter: Loew, M et al. (1995) Treatment of calcifying tendinitis of rotator cuff by extracorporal shock waves. J Shoulder Elbow Surg, 4:101-106.
- zur Schulter: Rompe, J et al. (1995) Extracorporal shock wave therapy for calcifying tendinitis of the shoulder. 321, 196-201.
- zum Ellenbogen: Rompe, J et al. (1996) Low-energy extracorporal shock wave therapy for persistent tennis elbow. Intern Orthop, 20:23-27.
- zum Fersenspron: Rompe, J et al. (1996) Low-energy extracorporal shockwave therapy for painful heel. Arch Orthop Trauma Surg, 115.75-79.
- Pseudarthrose: Valchanou, VD et al. (1991) High energy shock waves in the treatment of delayed and nonunion of fractures. International Orthop, 15:181-184.
- Übersicht: Rompe, J et al (1997) Extracorporale Stoßwellentherapie: Experimentelle Grundlagen, Klinische Anwendungen. Orthopäde, 26, 215-228.
Dr. med. Th. Wallny, Facharzt für Orthopädie, Oberarzt Orthopädische Uniklinik Bonn


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