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Therapieverfahren bei der Multiplen Sklerose

Eingetragen von Medizin-Netz am 23. August 2006 Kein Kommentar

Einleitung

Seit der ersten Beschreibung der Multiplen Sklerose (MS) sind mehr als 100 verschiedene Therapien angewendet worden. Durch das verbesserte Verständnis der Grundlagen der MS konnten in den letzten Jahren große Fortschritte in der Behandlung dieser Erkrankung gemacht werden. Allerdings ließ sich trotz großer Anstrengungen noch keine für jeden Patienten sicher erfolgreiche Therapieform finden. Ideal wäre sicherlich eine Therapie, die bei geringen Nebenwirkungen in die grundlegenden Krankheitsmechanismen eingreifen könnte.
Seit mehreren Jahren weiß man, dass es sich bei der MS um eine Autoimmunerkrankung des Nervensystems handelt. Das Immunsystem, dessen Aufgabe es ist, bakterielle und virale Eindringlinge in dem Organismus aufzuspüren und abzutöten, richtet sich in diesem Fall gegen körpereigene Gehirnstrukturen und zerstört diese. Den ursächlichen Grund für den Verlust dieser den Körper schützenden Barriere kennt man leider noch nicht, so dass eine ursächliche Behandlung nicht möglich ist. Die Fortschritte der letzten Jahren beruhen vor allem auf neuen Medikamenten, die einzelne Schritte des immunregulatorischen Netzwerkes beeinflussen.

In Abhängigkeit von der klinischen Verlaufsform und der Phase der MS können unterschiedliche Ziele einer Behandlung definiert werden:

  • Verkürzung der Dauer und Verbesserung der Rückbildung von akuten Krankheitsschüben,
  • Vorbeugung von Schüben; soweit dies nicht möglich ist, deren Auftreten zu verzögern und deren Intensität zu mindern,
  • Aufhalten von bleibenden Beeinträchtigungen/Behinderungen,
  • Funktion von geschädigten Bereichen des Nervensystems verbessern.

Therapie

Der Verlauf der MS (Schub/Intervallperiode) spielt eine entscheidende Rolle dafür, welche Therapie gewählt werden muss.

Behandlung im Schub
Glukokortikoide (bekannt unter der Bezeichnung Cortison) bilden seit den 40er Jahren die Grundlage der Behandlung im Schub. Die entzündungshemmenden, Gewebewasser entziehenden und das Immunsystem dämpfenden Effekte der Glukokortikoide führen zu einer Besserung des MS-Schubes. Meist besteht jedoch nur ein positiver Effekt auf die klinischen Symptome in der ersten Zeit nach der Behandlung, so dass durch die Cortisontherapie keine Verbesserung auf lange Zeit hin erreicht werden kann.
Die Behandlung erfolgt meist durch eine Infusion in eine Unterarmvene in einer hohen Dosierung. Hierbei sind die Nebenwirkungen in der Regel kurzzeitig und milde. Es scheint, dass eine kurze hochdosierte Behandlung weniger Beschwerden verursacht als eine längerfristige, niedrig dosierte.

Behandlung mit dem Ziel, die Schubrate zu verringern und das Fortschreiten der MS zu verhindern
Die im folgenden genannten Medikamente wirken durch einen Eingriff in das immunregulatorische Netzwerk. Hierbei kann man Pharmakagruppen unterscheiden, die bestimmte Schritte bremsen (spezifischer Eingriff) oder die die Immunreaktion in großen Anteilen blockieren (unspezifischer Eingriff).

Unspezifischer Eingriff
In dieser Medikamentengruppe finden sich Substanzen, die auf die sich schnell teilenden Zellen des menschlichen Körpers wirken und auch in der Behandlung von Tumorerkrankungen eingesetzt werden. Folglich entfalten diese Medikamente nicht nur die gewünschten Wirkungen auf das Immunsystem – es werden auch Haare, Schleimhäute und die Blutbildung in Mitleidenschaft gezogen. Daraus leiten sich auch die Nebenwirkungen der Medikamente ab. In diese Gruppe gehören folgende Substanzen: Azathioprin, Methotrexat, Cyclophosphamid, Mitoxantron und Cladribine.

Spezifischer Eingriff
Die Medikamente dieser Gruppe üben ihren Effekt über eine funktionelle Hemmung bestimmter Untergruppen von Zellen des Immunsystems aus.

Im folgenden werden einzelne Substanzen näher besprochen:

Cyclosporin A
Diese Substanz ist aus der Transplantationschirurgie bekannt und verhindert, dass die neu übertragenen Organe vom Immunsystem abgestoßen werden. Das Mittel wirkt über eine Unterdrückung von Botenstoffen, die von Immunzellen ausgesandt werden. Diese Botenstoffe werden Zytokine genannt. Bei der Behandlung der MS wird Cyclosporin A jedoch nur zur Ergänzung der Therapie eingesetzt.

Zytokine und Zytokingegenmittel
In den letzten Jahren hat sich herausgestellt, dass Zytokine im Sinne einer Kommunikations- und Koordinationsfunktion eine zentrale Rolle in der Entwicklung der MS-Läsionen (Funktionsstörung, Gewebezerstörung) spielen. Durch einen Eingriff in den Ablauf des Entzündungsvorganges kann somit eine Modulation der Erkrankungsvorgänge gelingen. In der Therapie setzt man vor allem die sog. Interferone ein, die eine Untergruppe der Zytokine darstellen und von Unterformen der Zellen des Immunsystems gebildet werden.
Der Einsatz von Interferon beta bei der MS ist einer der Hoffnungsträger in der modernen Behandlung der Erkrankung. In den letzten Jahren hat man einen Vorteil für Patienten mit schubförmig wiederkehrender MS unter der Behandlung mit Interferon b gesehen. Die Wirkung dürfte auf einer Bindung der Substanz an die Zelloberfläche von Immunzellen und einer darauffolgenden Blockade des Wachstums beruhen.

Experimentelle Ansätze
Antikörper sind Produkte des Immunsystems, um eingedrungene Erreger zu bekämpfen. Das Besondere dabei ist, dass gesunde Zellen des Körpers nicht angegriffen werden, da Antikörper nach einem Schlüssel-Schloss-Prinzip nur an die Erreger binden können. Dadurch können bestimmte Akteure im immunologischen Netzwerk gezielt mit diesen Antikörpern eliminiert werden. Dazu werden in Experimenten, die zur Zeit noch im Tiermodell erfolgen, Antikörper gegen die Zellen gesucht, die bei der Ausbildung der MS eine Rolle spielen.
Desweiteren versucht man durch das Einschleusen von genetischer Information, die in bestimmte Zellen gepackt wird, einen gezielten Eingriff in das Krankheitsgeschehen zu bekommen.
Ein Einsatz dieser vielversprechenden Ansätze ist in den nächsten Jahren geplant.

Symptomatische Behandlung

Auch durch die Verbesserung der symptomatischen Therapie ist es in den letzten Jahren gelungen, die Lebenserwartung und die Lebensqualität der MS-Patienten entscheidend zu verbessern.

Physiotherapie
In der funktionellen Rehabilitation der meist durch Lähmungen und Koordinationsstörungen geprägten motorischen Ausfälle nimmt die Physiotherapie den ersten Platz ein. Als Therapieziele gelten die Erhaltung der größtmöglichen Selbständigkeit der Patienten, das Entwickeln ausgleichender Funktionen und die Vermeidung von weiteren Komplikationen wie Dekubitus, Haltungsschäden oder Osteoporose. Diese Ziele können mit Hilfe von fundierten physiotherapeutischen Behandlungsmethoden angegangen und erreicht werden. Hier wäre insbesondere die entwicklungsneurologisch begründete, spastikhemmende und bewegungsbahnende Methode nach Bobath zu nennen.

Ergotherapie
Die Aufgaben der Ergotherapie sind eng mit der Physiotherapie verbunden. Sie umfasst motorisches Training der oberen Extremitäten (Feinmotorik) und des Rumpfes (Sitzkontrolle), Schulung von Oberflächen- und Tiefensensibilität der Hände, Übungsbehandlung der Konzentration, Merkfähigkeit, Selbsthilfetraining für die Aktivitäten des täglichen Lebens (Essen, Trinken, Körperpflege, Schreiben).

Sprachtherapie (Logopädie)
Bekannte Begleitsymptome bei einer MS können u.a. eine verwaschene Sprache sein, die im fortschreitenden Erkrankungsverlauf mit Kau- und Schluckstörungen verbunden sein können. Diese Symptome können logopädisch behandelt werden.

Medikamentös symptomatische Therapie
Mit Hilfe einer medikamentösen Therapie können Spastizität, Blasenentleerungsstörungen, Schmerzen und depressive Stimmungszustände behandelt werden. Über den Einsatz sehr vieler unterschiedlicher Medikamente muss im Einzelfall durch den behandelnden Arzt entschieden werden.

Ernährung
Viele MS-Patienten leiden an einer chronischen Verstopfung, die neben den Nervenschäden und der mangelnden Flüssigkeitszufuhr durch die erzwungene körperliche Inaktivität bedingt sein dürfte.
Auch kann es durch die Einhaltung bestimmter Diäten zu einer kausalen krankheitsmildernden oder gar heilenden Wirkung kommen.

N. Körber-Hafner

Lesen Sie auch die Kurzinformation zur Multiplen Sklerose und informieren Sie sich über Selbsthilfegruppen.

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